Rasnoobrasie – Berlin – Казань


Protokoll von der Feedbackrunde zum Kazanteil by josievers
13 Januar 2008, 9:33 pm
Filed under: Unser Archiv

Bei der Feedbackrunde des Berliner Gruppe zu dem Konferenzteil in Kazan malten wir zunächst einen großen Plan mit allen Dingen, die wir in Kazan gemacht hatten und verteilten dann Punkte mit unterschiedlichen Farben für einzelne Ereignisse während der Konferenz.

Rote Punkte sollten konfliktreiche Ereignisse markieren, blaue Punkte sehr positive Erinnerungen und grüne Punkte Ereignisse, aus denen man bestimmte Lehren gezogen hat. Alle Markierungen waren rein persönlicher Art und mussten nicht im Nachhinein erklärt werden.

Dennoch konnte man einige Rückschlüsse über den Konferenzverlauf ziehen: Während sich die blauen Punkte eindeutig vor allem bei unserem Ausflug in das tatarische Dorf mit dem Schulbesuch und dem anschließenden Essen bei einer Lehrerin ballten, fand sich die größte Ballung roter Punkte bei dem Vortrag von Herrn Dietz, dem Vorsitzenden des Deutschen Hauses. Dieser Vortrag hatte auch schon spontan den meisten Widerspruch hervorgerufen. Weitere rote Punkte fanden sich auch am Dienstag bei dem Vortrag von Dascha, vermutlich, weil nicht klar geworden war, wie er thematisch eingebunden werden konnte. Außerdem waren die Diskussionen zum Abschluss des Geschichtsteils und zur Einführung in den Migrationsteil teilweise rot markiert – hier waren wir auf besondere, eventuell interkulturell bedingte Kommunikationsschwierigkeiten getroffen. Ein weiterer roter Punkt, vermutlich inhaltlichen Ursprungs, fand sich beim Vortrag des Religionsratsvorsitzenden.

Um die grünen Punkte auszuwerten, sammelten wir nun Ziele – persönliche, thematische und auf die Gruppe bezogene – die wir uns aus Erfahrungen in Kazan gesetzt haben.

Bei den auf die Gruppe bezogenen Zielen wurde sich unter anderem eine bessere Verständigung gewünscht. Zum einen war dies auf organisatorische Defizite bezogen, zum anderen aber auch auf interkulturelle Verständigungsschwierigkeiten in Bezug auf unterschiedliche Verstehensweisen von bestimmten Begriffen und auf unterschiedliche soziale Praktiken. Hierzu gehört auch, dass jede Seite am Ende genau versteht, worum es bei der anderen Seite eigentlich ging. Als weitere Ziele wurden genannt, dass erreicht werden soll, dass jeder Teilnehmer am Ende ein persönliches Verständnis über die von uns behandelten Themen erlangt, dass wir es schaffen, über die Ausstellungsgestaltung zu Musa Dschalil zu diskutieren, dass wir das Migrationsthema möglichst neutral, nicht übertrieben, aber in seiner Problematik deutlich darstellen sollten, dass wir offene und faire Diskussionen führen sollten, dass wir mit Problemen pragmatisch umgehen sollten und den vorher formulierten Ansprüchen gerecht werden wollen.

Zu den thematischen Zielen wurde genannt, dass wir verschiedene Museumsformen vergleichen sollten, um zum Einen ihre Bedeutung für verschiedene Erinnerungsformen und zum Anderen ihren Bestand oder ihren Wandel über die Zeit zu ergründen. Außerdem wollte jemand weitere Lebenslaufforschung (Oral History) betreiben, das von uns besuchte Konzert in Kazan als Beispiel dafür  untersuchen, wie Musik als Werkzeug der pantürkischen Bewegung eingesetzt wird. Im Geschichtsteil sollte es uns gelingen, von Musa Dschalil als unserem Vehikel wirklich zu Geschichtsbildern zu kommen und diese differenziert zu untersuchen.

Insgesamt waren viele Ziele persönlicher Art und nicht unbedingt auf die ganze Gruppe und den Konferenzablauf zu beziehen, dennoch hat es geholfen, sich noch einmal über das in Kazan Erlebte und Gelernte mit seinen möglichen Konsequenzen und Schlussfolgerungen bewusst zu werden.

 

In einem zweiten Teil der Feedbackrunde ging es um grundsätzliche Schwierigkeiten in der interkulturellen Kommunikation. Unsere Leiterin zeigte uns hierfür die Skizze eines „kulturellen“ Eisbergs, der für jede Kultur, aber auch bei jedem Individuum persönlich, mit anderen Inhalten gefüllt ist. Wie bei einem Eisberg ist auch bei Menschen nur ein kleiner Teil dessen sichtbar, was ein Individuum ausmacht. Jeder Mensch ist auch unbewusst vielfach durch seine Umgebung geprägt und hat sich so bestimmte Tabus, Verhaltensnormen oder Wertsysteme zu eigen gemacht, die ihm normalerweise auch selbst nicht unbedingt bewusst sind, teilweise weil sie ihm völlig selbstverständlich vorkommen und er sie darum nicht wahrnimmt. Solche Normen oder Tabus könnte er also auch nicht direkt kommunizieren. Eben diese Tabus und Verhaltensnormen sind auch ein Punkt, in dem sich Menschen aus verschiedenen Kulturen besonders stark unterscheiden, weil sie aus der Sozialisation in einer bestimmten Umgebung und in bestimmten Diskursgemeinschaften entstehen. In der Kommunikation sollte deswegen besonders darauf geachtet werden, den anderen in seinem Wertesystem, das wir so genau nicht kennen, nicht zu verletzen, ihn nicht direkt anzugreifen, sondern möglichst auch Kritik immer in Ich-Botschaften zu verpacken, die die eigene Wahrnehmung mitteilen sollen und immer einfacher zu akzeptieren sind als Angriffe. Am einfachsten sind auch interkulturell Probleme sachlicher Art zu besprechen – beispielsweise die Arbeit betreffend – während es immer am schwierigsten ist, auf die ganz persönliche Ebene vorzudringen. Hierbei wäre besondere Zurückhaltung angebracht.

In einer Übung, bei der wir versuchen sollten, unsere eigenen wichtigsten Werte aufzuschreiben, wurde uns schnell bewusst, wie unterschiedlich auch wir in einer kulturell (relativ) homogenen Gruppe Begriffe wie „Toleranz“, „Wertschätzung“ oder „Akzeptanz“ verstehen.

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1 Kommentar so far
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Einer der interessantesten Aspekte des Abends war für mich die Diskussion über den „Eisberg“. Dabei wurden zwei verschiedene Ansichten zum Umgang mit den „Tabus“ (symbolisiert durch den unter der Wasseroberfläche befindlichen Teil des Eisbergs) geäußert. Der ersten Ansicht zufolge ist im Umgang mit diesen „Tabus“ in interkulturellen Begegnungen äußerste Vorsicht angebracht. Die Alternative, zu der ich persönlich eher tendiere, besteht darin, unter die Oberfläche zu tauchen und miteinander darüber zu sprechen, was wir dort finden – gerade um uns besser verstehen zu können. Auch ein solcher „Tauchgang“ setzt natürlich Fingerspitzengefühl und Respekt voraus. Nachdem in einigen unserer Diskussionen zum Umgang mit der Geschichte ganz offensichtlich auch Eisberge kollidiert sind, finde ich es spannend und wichtig, sich nochmal über diese Frage Gedanken zu machen.

Kommentar von Robert




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