Rasnoobrasie – Berlin – Казань


Protokoll vom 17.12. by josievers
13 Januar 2008, 9:25 pm
Filed under: Unser Archiv

An unserem ersten Konferenztag in Berlin sprachen wir zunächst in Bezug auf den Geschichtsteil über die Chancen, die wir planten, wahrzunehmen. Zum Einen würden wir während der Konferenz die ersten sein, die den Werdegang der Gedenkstätte Plötzensee dokumentieren und hierzu wichtige Zeitzeugen befragen könnten. Zum Anderen könnten wir mit einer möglichen Publikation und mit einem Beitrag für die Gedenkstätte in Moabit konkret das Andenken an Musa Dschalil  und den in Deutschland sehr geringen Kenntnisstand über Tatarstan erweitern und vertiefen.

 

Leyssan bot uns eine kurze Einführung in den Begriff „Geschichtsbilder“. Sie betonte, dass bei der Erforschung von Geschichtsbildern nicht danach gestrebt wird, bestimmte historische Fakten korrekt darzustellen oder richtige von falschen Geschichtsauffassungen zu unterscheiden. Es geht viel mehr darum, zu erforschen, wie Geschichte in unterschiedlichen Ländern verschiedentlich dargestellt wird und welche Vorstellungen über vergangene Ereignisse in den Köpfen der Menschen vorherrschen. Dabei ist die Erforschung von Geschichtsbildern auch ein gutes Mittel, um zu untersuchen, wie Macht und Propaganda funktionieren und welchen Einfluss sie auf die Vorstellungen des Einzelnen haben. Bulat Kh. merkte an, dass für den Begriff „Geschichtsbilder“ im Russischen der Begriff „мета-история“ („Meta-Geschichte“) verwendet wird.

 

Unser erster geladene Vortragende in Berlin war Dr. Horst Schützler, emeritierter Professor für Geschichte der Sowjetunion und der KPdSU an der HU. In seinem Vortrag stellte er die verschiedenen Sichtweisen auf den 2. Weltkrieg in Deutschland und in der Russländischen Föderation 60 Jahre nach Kriegsende vor. Seiner Meinung nach gibt es hier keine einheitliche Perspektive, nach wie vor herrschen unterschiedliche Auffassungen vor.

Nach Schützler wurde in der BRD zum 60. Jahrestag der Befreiung so breit und intensiv über den Krieg diskutiert wie nie zuvor. Es gab zahlreiche Dokumentationen, Diskussionsrunden, Veröffentlichungen und Befragungen von Zeitzeugen, leider auch Demonstrationen von und Auseinandersetzungen mit Neonazis. Rund 4/5 der Deutschen halten heute den 8. Mai 1945 für einen Tag der Befreiung von den Nationalsozialisten, dennoch hält Schützler die Aufarbeitung des Faschismus in der BRD immer noch für unzureichend.

Bei seiner Darstellung der russländischen Debatte bezog sich Schützler vor allem auf die schon in seinem Artikel „Der Große Vaterländische Krieg. Sichten und Einsichten im heutigen Russland“[1] dargelegten Zusammenhänge. Auch in Russland kam es im Zuge des 60. Kriegsjubiläums zu vermehrten Debatten und teilweise auch zu Umdeutungen des seit Stalinzeiten sogenannten „Großen Vaterländischen Krieges“. Dieser Begriff galt zu Sowjetzeiten als Synonym für einen gerechten Volkskrieg mit makellosem, gesetzmäßigem Sieg.

Auch wenn die gemeinsame Erinnerung an den 2. Weltkrieg heute immer noch als große einigende Klammer um die so vielschichtige russländische Gesellschaft fungiert, wird auch in Russland der Krieg nun insgesamt differenzierter als zu Sowjetzeiten betrachtet. Die stalinistische Kriegsführung mit den eventuell unnötig hohen Opferzahlen ist zu einem Kritikpunkt geworden, auch sind der Alltag im sowjetischen Hinterland, die Situation der Frauen, Verbrechen der Roten Armee wie in Katyn und ihr Umgang mit der besiegten Zivilbevölkerung, die Hilfe der Alliierten oder das Leben unter faschistischer Besatzung in den Blickpunkt gerückt. Das zu Sowjetzeiten überbetonte Überraschungsmoment des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion ist heute in eine Reihe von Gründen eingeordnet worden, auch wenn einige pseudowissenschaftliche Publikationen im anderen Extrem von einem deutschen „Präventivkrieg“ sprechen.

Unantastbar ist in der Russländischen Föderation heute noch der Stolz auf den gemeinsam errungenen Sieg über den Faschismus, den etwa 76% aller Erwachsenen teilen.

Im Anschluss an den Vortrag entspannte sich eine Diskussion über den 8. Mai. Es wurde die Frage gestellt, ob man im heutigen geeinten Deutschland den 8. Mai als Gedenktag brauche, weil er Teil spezifisch sowjetischer oder sozialistischer Erinnerungskultur ist und durch den Missbrauch für propagandistische Zwecke diskreditiert sein könne. Es könnte sinnvoll sein, neue, gemeinsame Formen der Erinnerung an die Befreiung zu schaffen, die durch ihren prozessualen Charakter ja nicht unbedingt an einen Tag gebunden sein müsse. Schützler vertrat in dieser Diskussion die Position, dass der 8. Mai auch aus pragmatischen Gründen als Gedenktag besonders geeignet wäre, weil man sich für bestimmte Rituale auf ein Datum fixieren müsse.

 

Als nächster Programmpunkt stand unser Ausflug zur Gedenkstätte Plötzensee an, wo in einer eigenen Vitrine Musa Dschalil und seinen tatarischen Mitgefangenen gedacht wird.

 

Ein Vortrag von Mieste und Leyssan widmete sich der Nationalitätenpolitik der Sowjetunion.

In der heutigen Russländischen Föderation wird das Konzept der Nationalen Kulturautonomie, das auf die Austromarxisten Karl Renner und Otto Braun zurückgeht und schon unter Lenin teilweise umgesetzt wurde, stark diskutiert und teilweise auch wieder praktiziert. 

Die österreichischen Theoretiker Renner und Braun haben Nationen als Kulturgemeinschaften, die nicht unbedingt auf einen gemeinsamen Staat oder auf ein Territorium zurückzuführen sein müssen, definiert. Als wichtiges Recht jeder Nation galt ihnen, eine eigene Literatur, Volksbildung und Kunst entwickeln und gestalten zu können. Deswegen sollte auch überall dort, wo genügend Mitglieder einer Nation vertreten waren, dieser Gruppe die Möglichkeit gegeben werden, Schulen in deren Muttersprache mit eigenen Inhalten zu betreiben. Dieses Recht beschreibt das Konzept der Nationalen Kulturautonomie. Hierbei vertraten Renner und Bauer die kollektivistisch-föderale Schule, was bedeutet, dass nicht jedes Individuum vereinzelt Recht auf eine Schule in der eigenen Sprache haben könne, sondern ein genügend starkes Kollektiv als Interessengruppe gegenüber dem Staat auftreten müsse. Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation wird vor allem über das Personalitätsprinzip festgelegt – derjenige, der sich zu einer bestimmten Nationalität bekennt, wird dieser auch zugeschrieben.

Auch wenn die sowjetischen Politiker in ihrer Ideologie grundsätzlich gegen Nationen eingestellt waren – nach Marx handelt es sich bei Nationen nur um ein „mit der kapitalistisch-bürgerlichen Welt heraufkommendes und mit ihr verschwindendes Prinzip“[2] – wurden doch in den Zwanziger Jahren unter Lenin aus pragmatischen Gründen im Zuge der „Korenizacija“ einige Zugeständnisse gemacht. Um Antagonismen zwischen den verschiedenen Ethnien in der Sowjetunion zu bekämpfen, sollten die „Entwicklungsunterschiede“ zwischen ihnen beseitigt werden. Eine Methode, um die hohe Analphabetenrate zu bekämpfen, war, jedem Kind Schulunterricht zunächst in seiner Muttersprache zu garantieren und dies nicht nur in den entsprechenden Republiken, in denen eine bestimmte Ethnie Titularnation war, sondern im Zuge der Nationalen Kulturautonomie überall dort, wo genügend Kinder für eine bestimmte muttersprachliche Schule vorhanden waren.

Das Prinzip der Nationalen Kulturautonomie verschwand aus der sowjetischen Politik gegen Ende der 30er Jahre. Nun bildete wieder Stalins Definition von Nation, die er schon 1913 in seinem Aufsatz „Marxismus und die nationale Frage“ festgelegt hatte, die Grundlage der sowjetischen Nationalitätenpolitik. Hierin heißt es,

„Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart“[3].

Er nennt vier Charakteristika von Nation und legt diese als Merkmale fest, denen jede Nation entsprechen muss. Er lässt die Religion als mögliches Charakteristikum außen vor und spricht Minderheiten ohne bestimmtes Territorium den Status als Nationen ab. Uwe Halbach von der Berliner „Stiftung Wissenschaft und Politik. Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit“ (SWP) schreibt, dass sich hier ankündigt,

„was später in der Nationalitätenpolitik ihres Autors Praxis werden sollte: Geringschätzung ethnischer Kollektive, auf die jene ‚objektiven’ Nationskriterien nicht zutreffen und die deshalb der Assimilierung durch größere Nationen anheimfallen dürfen.“[4]

Aus der Betonung von Territorium als wichtigem Element von Nation ergaben sich eine Reihe von Konsequenzen: Als Nation anerkannte Ethnien wurden einem bestimmten Gebiet zugeteilt, wie die Tataren der Tatarischen SSSR, in dem sie gewisse Privilegien genossen, wie den Schutz ihrer Kultur oder das Recht auf eine eigene Sprache oder eigene Schulen. Sowjetbürger, die sich als Angehörige einer solchen Nation verstanden, aber außerhalb dieses Gebiets wohnten, wie Tataren außerhalb Tatarstans, genossen keine dieser Privilegien, ebenso wie „ethnische Gruppen“ ohne eigenes Territorium. Diese Politik bedeutete somit eine klare Abkehr vom Prinzip der Nationalen Kulturautonomie oder dem Nationsverständnis der Austromarxisten.

 

Unser zweiter Gast des Tages war Horst Hermann von der Berliner Gesellschaft der Freunde der Völker Russlands e.V. Er war maßgeblich an der Weiterentwicklung der Gedenkstätte Plötzensee beteiligt und hat dafür gesorgt, dass dort auch Musa Dschalil mit seinen tatarischen Mitgefangenen erwähnt wird. Außerdem hatte er an mehreren Friedensreisen seines Vereins teilgenommen, unter anderem an jener, bei der 25 Kriegsveteranen aus Moskau mit einem Bus nach Berlin gebracht wurden. Diese hatten eine Gedenktafel für Musa Dschalil vorbereitet, die eigentlich für die Gedenkstätte Plötzensee gedacht war. Nach mehreren Komplikationen mit dem Denkmalschutz hängt diese Tafel jetzt im Bendlerblock in der Gedenkstätte des deutschen Wiederstands in einem Seminarraum. Hermann hat auch persönlich Nachforschungen zu Musa Dschalil in Berlin unternommen, zum Beispiel hat er im Standesamt von Charlottenburg seine Todesurkunde gefunden.

 

Unser letzter Programmpunkt waren Auszüge aus dem Film „Die rote Kamille“. Interessant an diesem Film ist, dass ein deutscher Kommunist als Helfer Musa Dschalils hinzuerdacht wurde – vermutlich aus Propagandazwecken, weil die DDR auf dem Mythos basierte, von heroischen kommunistischen Widerstandskämpfern gegründet worden und somit der „bessere“ deutsche Staat zu sein.

Im Anschluss an den Film entspannte sich eine lebhafte Diskussion über Propaganda in der DDR und in der BRD und über die unterschiedlichen Wege der zwei deutschen Staaten, mit der Nazivergangenheit umzugehen. Es stellte sich erstmals deutlich heraus, dass auch in unserer Gruppe auf deutscher Seite noch sehr unterschiedliche Wahrnehmungen und Emotionen bezüglich der deutsch-deutschen Vergangenheit vorherrschen und es auch unserer Generation noch teilweise schwerfällt, von unrealistischen, anerzogenen Vorstellungen über die jeweilige Vergangenheit der „Anderen“ Abschied zu nehmen.


[1] Schützler, Horst (2005): „Der Große Vaterländische Krieg. Sichten und Einsichten im heutigen Russland.“ in: Icarus. Zeitschrift für soziale Theorie, Menschenrechte und Kultur. 11. Jahrgang: Heft 2/2005.

[2] Zitiert in Halbach, Uwe (1992): Das sowjetische Vielvölkerimperium: Nationalitätenpolitik und nationale Frage. Mannheim: BI-Taschenbuchverlag: S. 20.

[3] Stalin, Josef Wissarionowitsch (1952) [1913]: „Marxismus und die nationale Frage.“ in: ders.: Stalins Werke, Bd. 2. Berlin: Dietz Verlag: S. 272.

[4] Halbach 1992: S. 22.

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Eine unserer Ausgangsfragen war es, verschiedene Formen der Erinnerung an eine konkrete historische Gestalt – Mussa Dshalil – in BRD, DDR und wiedervereinigtem Deutschland zu untersuchen und zu vergleichen. In Hinblick auf diese Frage war der Montag ein äußerst ergiebiger Tag. Es zeigte sich, daß auch die Gedenktafel in Plötzensee, die wir in unseren Vorrecherchen in eine westdeutsche Erinnerungstradition stellten, auf die Initiative einer kleinen Gruppe von Menschen zurückgeht, die sich auch in der DDR schon intensiv mit Dshalil auseinandergesetzt haben. Auf der Ebene von Gedenktagen wie dem 8. Mai mögen tatsächlich noch große Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Traditionslinien bestehen. In unserem kleinen Fallbeispiel jedoch hat eine spezifisch ostdeutsche Form des Gedenkens Einzug in die gesamtdeutsche Erinnerung gefunden.

Kommentar von Robert




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