Rasnoobrasie – Berlin – Казань


Unsere Vorfahren im Blog by leysan
24 Dezember 2007, 5:24 pm
Filed under: Unser Archiv

Dienstag, 3. Juli 2007

Barbaren, Tartaren und Tataren

von G. Tatarskaya

In Deutschland kann ich auf die Frage, wo ich eigentlich her komme, fast nie mit nur einem Satz antworten. Mein Heimatort ist für viele schon deshalb exotisch, weil er in Russland liegt, und dabei weder Sibirien, noch Moskau oder Petersburg heißt.

Nach acht Jahren umständlicher Erklärungen habe ich mir so eine Art Faustformel eingeprägt. „Kasan, Tatarstan, Acht hundert Kilometer von Moskau, vor dem Ural-Gebirge. Nein-nein, nicht Kasachstan!!!!“
Leute, die bei den Worten „Kasan“ und „Tatarstan“ sofort verständnisvoll genickt haben, kann ich an meinen eigenen Fingern zählen.

Aber auch Leute, die absolut NICHTS über Tataren gehört haben, gibt es selten. Die Assoziationen mit rohem Hackfleisch und der Tartar-Sauce möchte ich in diesem Zusammenhang nur zögernd akzeptieren. Tschingis-Khan und Reiter-Volk sind mir als Schlagwörter schon lieber, doch ich möchte hier über etwas anderes erzählen. Und zwar darüber, dass viele Generationen der Berliner Schüler bei Schulausflügen nach Berlin-Moabit etwas über Tataren gelernt haben durften. Und das habe ich von meinem Opa erfahren, der nur vier Klassen Schulbildung hat und fast sein ganzes Leben in einem Dorf als Traktor-Fahrer gearbeitet hat.

Mein Opa hat vor zwei Jahren zum ersten Mal den Boden der ehemaligen Sowjetunion verlassen. Das hätte er sich mit seiner (für Russland üblichen) 250-Euro Rente nie leisten können. Mein Vater hat ihm aber oft vorgeschlagen, die Kosten für eine gemeinsame Reise zu mir nach Deutschland zu übernehmen.

Lange hat keiner von Verwandten daran geglaubt, dass diese Reise irgendwann stattfinden wird. Viele konnten es nicht verstehen, warum man einem fast 80-jährigen Mann noch unbedingt ein Stückchen der Welt zeigen möchte.

Mein Opa brauchte ja vor der Reise nicht nur ein Visum für Deutschland (das allein etwa 200 Euro kostet), und einen Flug, sondern natürlich auch einen Reisepass, den er sich in der nächsten größeren Stadt zur großen Bewunderung dortiger Beamtinnen ausstellen ließ. Dass jemand mit 79 zum ersten Mal einen Reisepass beantragt, ist wohl nicht nur in Russland eine Besonderheit.

Schon am Flughafen Schönefeld hat er mir gleich sein einziges touristisches Wunschziel genannt. Es gibt einen Ort in Berlin, sagte er, wo zwei tatarische Dichter, zwei Kriegsgefangene und Widerstandskämpfer, 1944 von den Deutschen hingerichtet wurden.

Erst nach einer kleinen Internet-Recherche habe ich erfahren, dass er die Gedenkstätte Plötzensee meint, die sich etwa 2 Kilometer von meiner Wohnung in Wedding befindet.

Nie hätte ich vermutet, dass es so nah eine Gedenktafel für meine Landsleute gibt. Und doch, siehe, dort, unter 14 Tafeln über Opfer des Nationalsozialismus, neben Informationen über Stauffenberg und andere – eine Tafel mit mir aus den Schulbüchern so bekannten Gesichtern.

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2 Kommentare so far
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„Viele Generationen“ von Berliner Schülern waren es wohl nicht, da die Tafel zu Dshalil und dem tatarischen Widerstand erst im Jahr 2002 Teil der Ausstellung wurde.

Kommentar von Robert

🙂 ja, ist wohl richtig, gut gesehen. ich werde es ändern. ich meinte eigentlich, generationen im Sinne Schuljahre, aber ist nicht ganz einleuchtend.

Kommentar von G. Tatarskaya




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