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Tuesday, 13. November 2007, by mieste
28 November 2007, 4:34 am
Filed under: Unser Archiv

Lectures: Dr. Marat Gibatdinov on Images of history in russian and modern western european history textbooks . And: Mr. Victor Dietz on Problems of Russia-Germans identity and history

Bei einem Vortrag von Marat M. Gibatdinov ging es um die Darstellung und Analyse von Geschichte in Lehrbüchern als einem fundamentalen Faktor der Bildung von Geschichtsbildern in der Bevölkerung. Gibatdinov ist Senior Researcher des Historischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der Republik Tatarstan Šigabutdin Mardžani und Vorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrer der Republik Tatarstan.

Die herkömmliche Weise der Darstellung von Geschichte hat nach Gibatdinov nicht selten für die Etablierung von Stereotypen, Vorurteilen und Feindbildern gesorgt. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Darstellung in Westeuropa als eine Ursache für damalige Probleme erkannt. Somit wurde zu der Zeit ein erster Paradigmenwechsel bei der Geschichtsvermittlung eingeleitet. Weitere Paradigmenwechsel folgten in Westeuropa in den 70er Jahren (v.a. didaktischer Natur) und im ehemaligen Ostblock gegen Anfang der 90er Jahre.

Nach Meinung von Gibatdinov sollte sich ein modernes Bildungssystem grundsätzlich zum Ziel setzen, die Schüler zum unabhängigen Denken, zum selbständigen Analysieren und zur eigenen Meinungsbildung anzuregen. Außerdem sollte es Demokratie, die Bildung einer Zivilgesellschaft, Toleranz und Polykulturalität fördern.

Aus diesen allgemeinen Zielen für Bildung ergeben sich auch bestimmte Aufgaben für den Geschichtsunterricht. Er sollte in erster Linie lehren zu Lernen anstatt nur Fakten zu vermitteln; er sollte zur Überwindung von Stereotypen, Feindbildern und Vorurteilen beitragen, anstatt diese zu verstärken; er sollte nicht ideologisieren sondern multiperspektivische und kritische Ansätze fördern; er sollte zwischenethnischen Konflikten vorbeugen und nach Konflikten zum Dialog anregen; er sollte helfen, eine gemeinsame Identität zu konstruieren und verschiedene Seiten und Beurteilungen von Geschichte aufzeigen. Der Geschichtsunterricht sollte vielseitiger werden, beispielsweise Minderheiten, das Alltagsleben, Gender-Thematiken, Umwelteinflüsse oder Oral History mit einbeziehen.

Als Beispiel für eine gelungenes Geschichtsbuch zeigte Gibatdinov uns Seiten aus einem kroatischen Lehrbuch. In diesem Buch überwog nicht der Text – Geschichte wurde auf verschiedenen Ebenen vermittelt, zum Beispiel durch Denkblasen, die verschiedene Meinungen ausdrückten, durch Bilder, die als Quellen und nicht nur zur Illustration dienten, durch farbliche Gestaltung der einzelnen Lehrfunktionen und durch genaue Quellenangaben. Insgesamt erfüllte es den Anspruch eines multiperspektivischen, modernen Lehrbuchs.

Zum Abschluss des Vortrags sahen wir eine PowerPoint-Präsentation des Georg-Eckert-Instituts für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig, das sich unter anderem dem Aufspüren und Entfernen von Stereotypen, Vorurteilen und Gebietsansprüchen aus Schulbüchern widmet. Aus der Präsentation wurde deutlich, dass auch heutige Schulbücher noch lange nicht frei von solch einseitigen Darstellungen sind, wenn auch meist subtiler oder indirekter als noch vor einigen Jahrzehnten. Um sie aufzuspüren, muss man verstärkt zwischen den Zeilen lesen.

In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem die Frage nach dem Einfluss des russischen Staates auf den Inhalt von Geschichtsbüchern gestellt. Auch im aktuellen Russland wird eine starke staatliche Kontrolle auf Lehrbücher ausgeübt, während die wissenschaftliche Gemeinschaft kaum Mitspracherechte hat. Dies führt dazu, dass immer noch gefährliche oder zumindest unwissenschaftliche Ansätze ihren Einlass in Geschichtslehrbücher finden – zum Beispiel steht der Autor eines aktuell von Putin unterstützten Lehrbuchs völlig außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Der Inhalt seines Buches knüpft an sowjetische propagandistische Darstellungen Russlands als Weltmacht an.

Aufgrund dieser Problematik wurde noch einmal die Notwendigkeit betont, Lehrbücher auch im Unterricht immer kritisch und nur als eine mögliche Quelle zu betrachten. Auch vermeintliche Fakten müssen immer wieder hinterfragt und von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden.

Der zweite Vortrag des Tages wurde von Dasha, einer Kazaner Kommilitonin, gehalten. Es ging um Parallelen zwischen der offiziellen sowjetischen Historiographie und der aktuellen Geschichtsschreibung in den Ländern Zentralasiens. In beiden Fällen spielte die Wissenschaft eine der Propaganda untergeordnete Rolle, Geschichte wurde unter anderem für den Zweck der nationalen Mythenbildung uminterpretiert oder missbraucht. Am Ende des Vortrags stand der Appell, Geschichte und Politik möglichst sauber zu trennen, damit Geschichte überhaupt die Chance hat, wissenschaftlich und möglichst objektiv dargestellt zu werden.

In der anschließenden Diskussion haben wir die Rezeption von Musa Dzhalil zu Sowjetzeiten in das vorgetragene Konzept der offiziellen sowjetischen Geschichtspolitik eingeordnet. Auch Musa Dzhalil wurde zu Propagandazwecken als Held der Sowjetunion verehrt, auch wenn er bei einer Rückkehr aus der Nazigefangenschaft sehr wahrscheinlich – wie so viele andere auch – als Kollaborateur oder möglicher Verräter deportiert worden wäre. Die Heldenverehrung diente der Identifikation und der Solidarisierung der Sowjetbürger mit dem Regime.

Weitere Ergebnisse der Diskussion, die sich auch wieder auf den Vortrag von Marat Gibatdinov bezog, waren, dass man sich bei der Darstellung von Geschichte von dem traditionellen eurozentrischen Ansatz entfernen sollte, um eine vielseitigere Darstellung von verschiedenen Weltregionen zu erreichen. Internationale Kooperationen von Geschichtsdidaktikern bei der Erstellung von Schulbüchern sind hierfür ein positiver Ansatz.

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Im letzten Vortrag des Tages von Viktor Dietz ging es um die Geschichte und Identität der Russlanddeutschen. Dietz ist der Geschäftsführer des Deutschen Hauses in Kazan, Vorsitzender der Kazaner Karl-Fuchs-Gesellschaft, Vorsitzender des Probsteirates der Evangelisch-Lutherischen Kirche des europäischen Teils Russlands und Vorsitzender der Deutschen Kulturautonomie der Republik Tatarstan. Er vertrat die These, dass sich die Russlanddeutschen seit dem Zweiten Weltkrieg zu einem eigenen Ethnos formiert haben, dessen historische Heimat zwar Deutschland sei, dessen aktuelle Heimat aber in Russland liegt.

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Bis zum Zweiten Weltkrieg konnte unter den Russlanddeutschen von keiner gemeinsamen Identität die Rede sein, weil sie auf die unterschiedlichsten Regionen des Russischen Reichs bzw. der Sowjetunion verteilt waren und verschiedene Dialekte benutzten. Zu dieser Zeit konnte man die Russlanddeutschen identifikatorisch eher in Stadt- und Landbewohner, in urbane und dörfliche Deutsche einteilen.

Der Zweite Weltkrieg bedeutete für einen Großteil der Russlanddeutschen eine gemeinsame traumatische Erfahrung – plötzlich wurden sie „den Feinden“ zugerechnet und massenweise als potentielle Verräter deportiert. Dies ist nach Dietz die Geburtsstunde einer gemeinsamen russlanddeutschen Identität. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie auch schon viele Gewohnheiten und Traditionen aus der sie umgebenden russischen Bevölkerung übernommen und die Angst vor Verfolgungen hatte zu einem besonders hohen Grad an Assimilation und Mischehen geführt.

Heute leben noch ca. 597000 Russlanddeutsche in der Russländischen Föderation, davon 3000 in der Republik Tatarstan und ca. 500 in Kazan. Ungefähr 2.700.000 Russlanddeutsche sind nach Deutschland emigriert, ca. 1500 davon sind in jüngerer Zeit in die Russländische Föderation zurückgekehrt, weil sie sich in Deutschland nicht integrieren konnten. Im Jahre 1994 kam es zum Höhepunkt der Abwanderung von Russlanddeutschen nach Deutschland, die Erwartungen der Rückwanderer wurden in Deutschland allerdings häufig nicht erfüllt, weil sie – nach der Theorie von Dietz – erkennen mussten, dass ihre aktuelle Heimat nicht mehr in Deutschland sondern in der Russischen Föderation liegt.

Widersprüchlich wurde der Vortrag von Herrn Dietz vor allem an den Stellen, an denen er versucht hat, die Prozesse der Bildung von Ethnien oder Nationen anhand der Theorien von Lev Gumelov zu erklären. Nach dessen Theorien sind Ethnien biologisch bedingte Einheiten, die als Passionäre wachsen und sich entwickeln und einem bestimmten Höhepunkt zuzustreben um anschließend unterzugehen. Diesen Prozess durchlaufen alle Ethnien und Nationen, sie befinden sich nur in unterschiedlichen Stadien.

Diese Theorie wurde in der anschließenden Diskussion heftig diskutiert. Nicht nur ist es unhaltbar, Ethnien als biologische, homogene Einheiten darzustellen, die sich unabhängig voneinander in der Geschichte bewegen – spätestens seit Benedict AndersonsImagined Communities“ ist es wissenschaftlicher Konsens, dass es sich bei Ethnien um vorgestellte Gemeinschaften im Bewusstsein der Mitglieder handelt, die ohne biologische Grundlage der Selbst- und Fremdeinordnung dienen – auch der lineare Ablauf eines Aufstiegs und Niedergangs einer jeden Ethnie ist reichlich vereinfachend, um nicht zu sagen, schlicht falsch. Er ist mit einem modernen Konzept von dynamischer und wandelbarer Identifikation, mit der Vorstellung von kognitiven Prozessen der Selbst- und Fremdverortung, nicht vereinbar.

Dietz widersprach sich auch selbst, als er von einer Neuformierung einer russlanddeutschen Ethnie aufgrund von kulturellen russischen Einflüssen und aufgrund des traumatischen Erlebnisses des Zweiten Weltkriegs sprach – hier kann es offensichtlich keine biologische Fundierung einer neuen Identität geben.

Johanna Sievers

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