Rasnoobrasie – Berlin – Казань


Eindrücke aus Kasan von Sonntag, den 11.11.07(von Lisa) by liljaauskasan
16 November 2007, 4:09 am
Filed under: Unser Archiv

Schon in den ersten Gesprächen mit unseren Kasaner Partnern wurde mir, sowie einigen anderen deutschen Teilnehmern, die zwar Russland schon viele Male bereist und erlebt hatten, jedoch Kasan und die Republik Tatarstan bisher noch nicht besucht hatten, meine etwas verzerrte Wahrnehmung unseres Reiseziels klar. Trotz meiner Vorbereitung auf die Konferenz mit den Kasaner Studenten, gab ich als Reiseziel immer Russland an. Politisch trifft das zwar auch zu, aber für die kulturelle Identität vieler Kasaner wirken der muslimische Glaube und die ethnische Zugehörigkeit zu anderen Turkvölkern wesentlich stärker als die Identifikation mit einer „russischen“ Kultur. Mein Irrglaube mag zum einen auf die geringe Präsenz tatarisch bezogener Themen in den deutschen Medien zurückzuführen sein, damit zusammenhängend dann aber auch deren oft pauschale Subsummierung unter dem viel gerühmten Begriff „Vielvölkerstaat“, ohne sich dessen Bestandteile genauer vor Augen zu führen. Ausnahmen bilden dann nur Krisenregionen wie der Kaukasus, sodass das Bild der Kasantataren, wie mehrmals von den Kasaner Teilnehmern abwehrend berichtet, durch diese negativen Bilder geprägt wird. Die Frage nach den unterschiedlichen Ausprägungen der vielschichtigen Identitäten in Kasan hat uns den ganzen Tag begleitet. Dabei hatte ich den Eindruck, dass Ideen einer gemeinsamen Identität der Tataren und Russen als Bürger der Republik Tatarstan, d.h. als Tatarstaner, neben der Betonung einer eher ethnisch definierten kulturellen Identität als Tataren her läuft. Eine Identifikation mit dem russländischen Staat, ohne Bezugnahme auf die tatarische Kultur schien mir unter den Studenten eher weniger verbreitet. Wie kontextabhängig eine Identität sein kann, beschrieb eine Kasaner Studentin, die sich im Ausland meist als Russin bezeichnet, d.h. als Bürgerin des Staates, innerhalb Russlands jedoch als Tatarin und innerhalb Tatarstans wiederum als Mischärin.

Eines der Ziele unseres Seminars wird die Untersuchung der Frage nach der vielschichtigen Bedeutung des tatarischen Dichters Musa Djalil (1906-1944) sein, dessen Verdienste für die tatarische Kultur viel gerühmt werden in Tatarstan. Zudem erhielt er nach dem Zweiten Weltkrieg posthum den Ehrentitel „Held der Sowjetunion“. Neben der Benennung des Kasaner Opernhauses, sowie einer Straße in der Innenstadt nach Djalil, lassen sich weitere konkrete Beispiele für eine Stilisierung seiner Person finden. In den Räumen seiner ehemaligen Wohnung in Kasan wurde ein Museum eingerichtet, zudem wurde in sowjetischen Zeiten ein meterhohes Denkmal vor dem Kasaner Kreml für ihn errichtet.

Der Kreml gilt über die Grenzen Tatarstans hinweg als Symbol für das friedliche Nebeneinander von Christentum und Islam, von Russen und Tataren. Im Herzen der Stadt, im politischen Zentrum, wurde vor wenigen Jahren neben einer russisch-orthodoxen Kirche eine neue Moschee errichtet, die das religiöse Zentrum der tatarischen Muslime in der Region geworden ist. Während unseres Seminars soll diese Symbolik nach ihrer Bedeutung für die Identität von Tatarstanern untersucht werden.

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