Rasnoobrasie – Berlin – Казань


Der zweite Tag.(Mieste) by liljaauskasan
16 November 2007, 4:10 am
Filed under: Unser Archiv

Wie der französische Soziologe Pierre Nora schreibt, kann das kulturelle kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft in „lieux de mémoire“ – Orten der Erinnerung – manifestiert sein. Als „Erinnerungsorte“ kollektiven Bewusstseins können dabei alle symbolhaft verdichteten Manifestationen begriffen werden, in denen öffentliche Erinnerung identitätsstiftend wirksam ist, also außer geographischen Orten auch Ereignisse, Institutionen und Begriffe, Kunstwerke, Medien usw. Einen ersten Eindruck im Kontext der Musa-Džalil-Rezeption bekamen wir von den „lieux de mémoire“ im Musa-Džalil-Theater, auf dem Weg durch die Stadt – Džalil-Strasse und –Denkmal als auch anhand der Geschichtsschulbücher, die uns Djamiliya vorstellte.

Nach hastigem Frühstück und erfrischend klarer Winterluft begann unser Programm mit einem Input-Referat zum Thema Kollaboration von Zina. Ihre Übersicht hatte sie gestützt auf Arbeiten von Rüstem Gaynetdinov und Iskander Giljazov zu diesem Thema. Gaynetdinov ist Historiker am Šaibuddin Mardžani-Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften Tatarstans und Leiter des Außenamtes des Weltkongresses der Tataren (WKT). Giljazov ist Professor an der Lenin-Universität Kasan. KGU.

Es stellte sich heraus, dass nicht alle Teilnehmerinnen über Leben und Werk Musa Džalils vorinformiert hatten, so dass sich Ihnen das Thema Kollaboration mit der Deutschen Wehrmacht nicht erschloss. Eine allgemeine Einführung in das Thema „Geschichtsbilder – Džalil-Rezeption“ wäre hier sinnvoll gewesen.

Den zweiten Teil eröffnete Džamiliya mit einem Überblick über Leben und Werk des Dichters Musa Džalil, wie es in den offiziellen Geschichtsschulbüchern der Republik Tatarstan, also in den regionalen Schulbüchern, dargestellt wird. Weitere Quellen waren das Buch “Po sledam poeta-geroja“ von Rafael Mustafin (1973), „Po zaveščaniju Musy Džalilja“ (R. Khakimov / Übersetzt von Gazi Kaššaf 1984) und sowie ein Interview von Konstantin Simonov mit dem belgischen Ex-Häftling und Freund Musa Džalils Andre Timmermanns aus der Zeitschrift „Kazan utları“ (2/2006).

Uns fiel auf, dass die Ikonografie des Helden, wie sie zu Sowjetzeiten wohl üblich war – Dichter, Kämpfer, Held, Ehemann, Vater – in den Schulbüchern weiter tradiert wird. Persönliche Brüche wie Beziehungen, Kinder mit anderen Frauen, die Arbeit für die „Tatarische Leitstelle im Ostministerium“ oder die Stigmatisierung als Verräter bis 1956 werden nicht thematisiert, obwohl Erkenntnisse dazu vorliegen.

Sehr imteressant und anregend für unsere anschließende Diskussion war der Film „Musa Džalil“ mit Interviews des Džalil-Experten Mustafin. Gerade diese Brüche in der Biographie Džalils wurden hier thematisiert. Eine Frage blieb abschließend im Raum: Was wäre geschehen, wenn Džalil wie tausende Andere auch aus deutscher Gefangenschaft zurückgekehrt wäre? Filtration, GULAG, Tod, Tabu?

Die Untersuchungen von Schulbüchern bezüglich der Musa-Džalil-Rezeption möchte ich mit Džamiliya weiterführen, systematisieren und schriftlich fixieren, aber auch andere „lieux de mémoire“ fotografisch festhalten.

Fragen:

Wenn Džalil bis 1956 persona non grata war, wie entstand dann das Gemälde von Jakupov „Unter Anklage“ von 1954?

Musa Dshalil Büste im Inst. für Geschichte AdW  Rep. Tatarstan Musa Dshalil Büste im Tatarischen Akademischen Staatlichen Musa Dshalil Thetaer für Oper und Ballett KasanMusa Dshalil Büste im Tatarischen Akademischen Staatlichen Musa Dshalil Thetaer für Oper und Ballett KasanMusa Dshalil Plakette  an der Ecke Dshalil/Baumann urami

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