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Der vierte Tag in Kasan (Agnieszka) by liljaauskasan
16 November 2007, 4:11 am
Filed under: Unser Archiv

Am Vormittag haben wir uns nach eine schneereichen Anfahrt zum Deutschen Haus mit dem Umgang und der Bedeutung des 2. WK für Russland und Deutschland beschäftigt. Zuerst haben wir uns anhand einer sehr fruchtbaren Gruppenarbeit initiiert von Bulat M. in kleineren Gruppen zu folgenden Themen ausgetauscht: Das Leben der Familie während des 2.WK in Deutschland und der UdSSR, Totalitarismus in Nazideutschland und Sowjetrussland, Lehren aus dem 2. WK für die nachfolgenden Generationen und die Bedeutung des 2. WK für die deutsche Nachkriegspolitik. Es hat sich gezeigt, das sich das Leben während des Krieges unter materiellen Gesichtspunkten wesentlich unterschied, aber die Kriegserfahrungen auf beiden Seiten zu ähnlichen Erinnerungen an Leid, Familientrennung und Tod führten. Des weiteren wurde deutlich, dass die Totalitarität beider Regime unter Hitler und Stalin vergleichbar in Bezug auf Parteistaatlichkeit, Kommandostaat, Gewaltanwendung, Propaganda war, jedoch handelte es sich um zwei verschiedene Systeme mit unterschiedlichen Ideologien. Als Lehren aus dem 2. WK wurden der Wandel der Freund-Feind-Schemata und des Verständnisses der Internationalen Politik als Nullsummenspiel hin zu mehr Kooperationsbesterben, die Menschlichkeit als höchstes Gut und Werte wie Toleranz, Pluralismus und demokratisches Denken gezogen. Bezüglich der deutschen Nachkriegspolitik wurde die Teilung Deutschlands und Abhängigkeit beider Teile von der Blockpolitik, sowie der Wandel zum heutigen demokratischen Einheitsstaat, integriert in die EU und andere internationale Organisationen herausgearbeitet. Dabei zeigte sich, dass Deutschland in Russland positiv assoziiert wird und politisch die Bundesrepublik Deutschland für die Russische Föderation eher Freund bzw. Partner ist, aber dass in den Köpfen der Menschen beiderseits auch noch alte Feindbilder bestehen.

Anschließend befassten wir uns mit dem Thema der Deportationen und ihren Folgen für die Völker der Sowjetunion auf der Grundlage des Vortrags von Marta. Wir erfuhren, dass diese Repressionen von der russischen Regierung erst Ende der 80er Jahre als Genozid anerkannt wurden. Interessant war der Aspekt der Folgeprobleme und Konflikte bezüglich Grenzen, Sprachen, Kulturen und Entschädigungen sowie Rehabilitierung für das Zusammenleben in der sowjetischen wie postsowjetischen Zeit. Es wurde auch die Meinung vertreten, dass Deportationen eine stabilisierende Wirkung für die Nachkriegszeit hatten z.B. die Westverschiebung Polens.

Als kulturelle Pause des heutigen Tages besuchten wir das Museum der Kasaner Universität, welche als Imperatorische Universitär von Alexander I. gegründet und 1814 eröffnet wurde. Sie ist seit 1925 nach Lenin benannt, der hier 3 Monate Jura studierte bevor er der Universität als studentischer Aufrührer verwiesen wurde. Während der Führung wurde deutlich, dass deutsche Professoren und Forscher wie Karl Fuchs oder Gauss einen erheblichen Anteil an dem Ruf der Universität hatten und dass auch Tolstoj hier 3 Jahre lang an verschiedenen Fakultäten studierte.

Am Nachmittag zogen wir ein erstes Resume zu dem geschichtlichen Teil unseres Projektes. Wir diskutierten Geschichtsbilder und Perzeption Musa Dzalils in Russland/ Tatarstan. Dabei zeigten sich Brüche der Perzeption als sowjetischer Held sowohl in derselben Generation – einige lernten ihn in der Schule als sowjetischen Held, andere eher nur als einen tatarischen Dichter kennen wie auch generationenübergreifend – er wurde zur Sowjetzeit offiziell als Held verehrt, aber nicht alle teilten diese Auffassung, man sah ihn auch als Verräter und Kollaborateur an. Kontinuitäten in Bezug auf die Erinnerung an Dzalil zeigte sich bei der Perzeption als Held nach 1991 , diesmal als tatarischer Held. Auf die Frage, wie die Kasaner Teilnehmer Musa Dzalil kurz im Lexikon beschreiben würden, antworteten fast alle: „als berühmten, tatarischen Dichter der Kriegszeit“. Strittig blieb, ob die Information, dass er als sowjetischer bzw. tatarischer Held geehrt wurde und wird mit aufgenommen werden sollte in so einen Lexikonbeitrag. Wir haben festgehalten, dass es wichtig ist, sich über Unterschiede zwischen Erinnerung und Geschichte klar zu sein und wir noch den Fragen nachgehen müssen was Helden sind und welche Verantwortung Historiker bei der Historiographie haben.

Am Abend wurden wir im Deutschen Haus von verschiedenen Gruppen mit Musik, Theater und Tanz unterhalten. Spannend für mich war, dass sich in Bezug auf die Darstellung der Russlanddeutschen Fragen stellten, die ab morgen auch verstärkt Inhalt unseres Projektes sein werden wie Identität oder Selbst- und Fremdwahrnehmung.

trialog.jpg kammerseptett.jpg im-deutschen-haus-kasan.jpg

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