Rasnoobrasie – Berlin – Казань


Vortrag Integration by philippjaeger
24 Oktober 2007, 11:00 am
Filed under: Unser Archiv

Vortrag: „Soziolinguistische Besonderheiten der Integration von Deutschen aus den Ländern der GUS in Deutschland anhand von Beispielen aus der Stadt Speyer (Rheinland-Pfalz)“

Teile:
1.Migration und Integration in Deutschland und Rheinland-Pfalz
2.Der Vorfall Alexeij Schneider
3.Multikulturelles Radio Rasik.de
4.Gedanken zur Migration

1. Migration und Integration in der Bundesrepublik Deutschland und Rheinland-Pfalz
Der Prozess der Migration zieht sich durch die gesamte Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Bereits in den Nachkriegsjahren galt es über zehn Mio. Vertriebene unter schwierigsten Bedingungen zu integrieren, wovon ca. acht Mio. Flüchtlinge in die Westzonen drangen, die bald heimisch wurden. Ihre Arbeitskraft wurde in den Jahren der Wirtschaftswunderzeit dringend benötigt, was ihr Einbeziehen die gesellschaftlichen Prozesse erleichterte.
In den 50ern und 60ern wurden verstärkt Gastarbeiter aus Südeuropa nach Deutschland geholt, um die florierende Industrie weiter aufzubauen. Ab den 60er Jahren lud man Gastarbeiter aus der Türkei ein, die heute bereits maßgeblich das Bild Deutschlands veränderten. Anfänglich planten viele der Gastarbeiter nach ein paar Jahren der Arbeitsaktivität in der Bundesrepublik wieder in ihre Länder zurückzukehren, jedoch viele nahmen sich dem attraktiven Leben in Deutschland an, holten ihre Familien nach und siedelten sich dauerhaft an. Einige von ihnen, vornehmlich die Kinder der Migranten, die komplett in der deutschen Lebenswelt aufwuchsen, erwarben die deutsche Staatsbürgerschaft und sind heute ein fester Teil der deutschen Gesellschaft.
Eine weitere Welle der Migration setzte Ende der 80er Jahre mit den so genannten Aussiedlern ein. Die offizielle Bezeichnung „Aussiedler“ gilt für Menschen deutscher Volkszugehörigkeit und deren Angehörige aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks, die sich entscheiden nach Deutschland überzusiedeln, was ihnen per Artikel 116, Abschnitt 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik zusteht.
Der Prozess der Migration der Aussiedler hält bis heute an, begleitet von zahlreichen Problemen. Die ersten Aussiedler Ende der 80er Jahre konnten ohne Auflagen nach Deutschland einreisen, was sich als schwierig herausstellte, denn ohne sprachliche Voraussetzungen blieb die Integration nur ansatzweise. Zudem hatte sich das Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik Ende der 80er Jahre abgekühlt, so dass die Jobmöglichkeiten bei zwei Millionen Arbeitslosen begrenzt waren.
Die Migration der Aussiedler wurde durch den Prozess der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten überlagert, der selbstverständlich höchste Priorität erhielt. Gewaltige Anstrengungen waren notwendig, um das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland zu bewerkstelligen, das bis heute noch nicht komplett abgeschlossen ist. Die Wiedervereinigung veränderte die Rahmenbedingungen für den Erhalt und die Entwicklung des Sozialstaates, der durch immer mehr Menschen im Rentenalter, aber vor allem durch eine gravierende Arbeitslosigkeit, bedingt durch die Wirtschaftstransformation, stark angespannt wurde. Unter diesen Bedingungen verkomplizierte sich die Ausgangslage zur Integration von Aussiedlern.

Heute, fast 20 Jahre nach dem Beginn der Migration der Aussiedler, kann man nicht von einem abgeschlossenen Prozess sprechen. Immer noch kommen Menschen mit deutschen Wurzeln in die Bundesrepublik. Ebenfalls sind die Aussiedler nicht spurlos in der deutschen Gesellschaft aufgegangen. Vielmehr bilden sie wahrnehmbare Fragmente im gesellschaftlichen Gewebe, das sie durch ihre kulturelle Eigenheiten um- und mitgestalten.
Um einige Aspekte der gegenwärtigen Situation der Aussiedler zu schildern, möchte ich über zwei Beispiele aus meiner Geburtsstadt Speyer im Südwesten Deutschlands berichten. Die Stadt Speyer liegt am Rhein im Bundesland Rheinland-Pfalz, das in diesem Jahr das sechzigste Jubiläum feierte. Da hier nach dem Krieg französische Soldaten Dienst hielten, hatte Rheinland-Pfalz keinen Bezug zur russischen Kultur, wie es in der sowjetischen Besatzungszone im Osten Deutschlands der Fall war. Mit Russland kamen die Rheinland-Pfälzer eben gerade durch die Russlanddeutsche in Kontakt, durch jene Menschen die die ehem. UdSSR verließen um in Deutschland zu leben.
Die Aussiedler brachten ihre kulturellen Ausprägungen nach Deutschland mit. Dazu gehörten sowohl Gegenstände der materiellen Kultur, als auch orale Ausdrucksformen wie Lieder, Legenden, Sagen und Märchen mit, die untrennbar mit der russischen Sprache verbunden sind. Oft war es so, dass Aussiedler überhaupt erst Deutsch in Deutschland lernten und einige bis heute in ihrer Familie auf Russisch reden. Für sie ist die Russische Sprache eine Ausdrucksform ihrer kulturellen Identität.

2. Der Vorfall Alexeij Schneider
Am frühen Morgen des 16. Juli diesen Jahres ereignete sich in Speyer ein schwerer Zwischenfall an dem die Polizei und der 19 Jahre alte Russlanddeutsche Alexeij Schneider beteiligt war, der für den jungen Mann tödlich endete. Alexeij, der bereits ein langes Vorstrafenregister hatte, flüchtete vor einer nächtlichen Polizeikontrolle und geriet in eine Verfolgungsjagd. Als sein Auto zum Halten gezwungen wurde, widersetzte er sich der Festnahme und fuhr einen Beamten an, der schwer verletzt wurde. Sein Kollege zog seine Waffe und stoppte Alexeij Schneider durch zwei Schüsse in den Oberkörper. Ein paar Stunden später erlag dieser seinen Verletzungen im Krankenhaus.
Nach diesem Vorfall brach in Rheinland-Pfalz eine öffentliche Debatte um die Integration von Aussiedlern los, die bisweilen auf das Schärfste geführt wurde und zahlreiche Klischees die Russlanddeutschen betreffend wieder aufkochte.
Schnell wurde gefordert, dass kriminelle Russlanddeutsche wieder ihren Pass abgeben und zurückgeschickt werden sollten. Solche Leute seien es nicht Wert in der Deutschen Gesellschaft zu leben. Teilweise wird Russlanddeutschen nachgesagt, dass sie trinksüchtig und faul wären und somit schnell auf die falsche Bahn geraten können. Behauptet wird, dass Aussiedler mit unter keinen Schul- oder Berufsabschluss hätten, aber eine Menge Geld machen würden, dass aus illegalen Geschäften stamme.
Dies ist jedoch genau ein Punkt, an dem man ansetzen und nachhaken kann. Aussiedlerkinder machen in der Schule die Erfahrung gehänselt und benachteiligt zu werden, was vor allem mit Sprachproblemen zusammenhängt. Viele haben dadurch nicht die gleichen Möglichkeiten einer beruflichen Qualifikation als Jungendliche ohne Migrationshintergrund. Manche fühlen sich als Bürger zweiter Klasse.
Dazu kommt, dass die sowjetischen Diplome nicht anerkannt werden und somit erst eine Zusatzausbildung nötig ist, bevor jemand in einem qualifizierten Beruf arbeiten kann, was vor allem ältere Aussiedler hart trifft, die sowieso schon auf dem Arbeitsmarkt schlechter gestellt sind.
In Speyer kam es nach dem Tod Alexeij Schneiders zu Demonstrationen und öffentlichen Sympathiebekundungen zum Verstorbenen, bei denen gegenseitige Beschimpfungen und Beleidigungen ausgetauscht wurden. Es wurde sich auch rassistischer Parolen bedient. Auf der anderen Seite hörte man Stimmen aus dem Lager der Aussiedler, es sei Mord gewesen und man plane einen Racheakt gegen die Polizei.
In der Tat herrschen viele gegenseitige Vorurteile vor. Als ich selbst noch in Speyer zur Schule ging, riet man mir ab nach Speyer-Nord zu gehen, wo mehrere Tausend Aussiedler in räumlicher Segregation zu den einheimischen Speyerern wohnen. Dort werde man von „den Russen“ nur angepöbelt und verprügelt.
Auf Seiten der Aussiedler ist es eine zutiefst enttäuschende Erfahrung, in der UdSSR für seine deutsche Nationalität gesondert behandelt, bestraft oder gar getötet worden zu sein und in Deutschland erneut benachteiligt zu werden. Indem sie in den Ländern der GUS als „Deutsche“, aber in Deutschland als „Russen“ angesehen werden, müssen sie ihre kulturelle Identität im hybriden Raum zweier Welten zu verorten versuchen. Diese ist keinesfalls vorgefertigt oder –definiert, sondern wird neu ausgehandelt, ein Prozess, in dem sich vor allem Jugendliche verstärkt durch ihre individuelle Entwicklung befinden.

3. Multikulturelles Radio Rasik.de
2002 ging in Speyer aus einer Initiative, die russlanddeutsche und einheimische Jugendliche zusammenbringen sollte, das deutsch-russische Radioprojekt Rasik.de, Radio Sloshnaja Kompanija hervor. In dieser Radiostation arbeiten Jugendliche aus verschiedenen Gruppen zusammen ein Programm aus, führen Interviews durch, stellen Berichte zusammen und mischen auch selbst produzierte Musik. Auf Radio Rasik.de wird deutscher und russischer Rap und HipHop, heute ein wichtiger Teil der Jugendkultur gespielt. Die Moderation ist konsequent zweisprachig.
Das Internetradio wird pro Sendung 40.000-mal abgerufen. Täglich wird die Seite 3.000-mal aufgerufen, was auf einen hohen Bekanntheitsgrad weist. Die Redaktion unterhält gute Kontakte zu den Künstlern, die ihre neuen Tracks im Radio präsentieren und interaktiv mit den Usern diskutieren. Somit wird Speyer ein Zentrum russischsprachiger HipHop-Musik in Deutschland.
Selbsternanntes Ziel von Rasik.de ist die Integration junger Aussiedler in die deutsche Gesellschaft über die Musik, was durch das gegenseitige kennen Lernen erreicht werden soll. Rasik.de ist interaktiv ausgerichtet, was darin besteht die Hörer mit einzubeziehen, die per Email ihre Grüße, Wünsche und Kritik einreichen. Nicht nur die Macher stammen aus verschiedenen Kulturen, auch die Hörer sind über Europa und die GUS verstreut. Auch Sozialverbände und die Politik nehmen Rasik.de war und honorieren den sozialen Einsatz mit Preisen und Auszeichnungen.

4. Gedanken zur Migration
In den Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen einer heterogenen postmodernen Gesellschaft nimmt die Sprache eine Schlüsselrolle ein. Sie ist das Instrument mit dem Konflikte ausgetragen und Konstanten durch Sprachspiele, die auf den Urvater des linguistic turns Ludwig Wittgenstein zurückgehen, permanent redefiniert werden.
Ein Radioprojekt ist meiner Meinung nach sehr gut geeignet die Integration zu fördern. Radio als akustisches Medium basiert auf der gesprochenen und gesungenen Sprache. Sie ist neben ihrem instrumentellen Wert mit kulturellen Eigenschaften besetzt.
Ein Radioprojekt wie Rasik.de demonstriert die Multilingualität und -vokalität der Gesellschaft in Deutschland. Einerseits lässt es Aussiedlern Artikulationsfreiräume, anderseits zeigt es Ausdrucksformen künstlerischen Schaffens von Migranten den restlichen gesellschaftlichen Gruppen. Es macht Migranten wahrnehmbar, hilft somit einen Eindruck zu vermitteln und Vorurteile abzubauen. Der öffentlich zugesprochene Stellenwert der russischen Sprache verändert sich von einer angenommenen defizitären Sprachform, die Aussiedler wählen, da ihr Deutsch unzureichend ist zu einem kreativen Reservoir, aus dem künstlerische Repräsentationen geformt werden. Meiner Meinung nach fördern solche Projekte die Akzeptanz von Minderheitensprachen in Deutschland ungemein.

Integration ist ein laufender Prozess, der immer wieder neu gesellschaftlich ausgehandelt werden muss. Er besteht darin Bedingungen zu schaffen, die das Zusammenleben der Menschen in einem Staat ermöglichen. Dessen Entwicklung zielt auf alle Seiten, indem einerseits Migranten den vorgefundenen Gesellschaftszustand kennen lernen und in ihm eine Existenzmöglichkeit in Koordination mit den gegebenen Umständen erarbeiten. Andererseits müssen sich die bisherigen Gesellschaftsgruppen auf die Migranten einstellen und ihren Raum zur Entfaltung eröffnen.
Der französische Philosoph Jean-François Lyotard weist darauf hin, dass die Gefahr droht, dass an diesem Dialog in den postmodernen Wissensgesellschaften des 21. Jahrhunderts nicht alle Gruppen angemessen werden. Das Ziel der Integration in der Postmoderne muss meiner Meinung nach sein, in der Akzeptanz eines heterogenen Gesellschaftsgefüges eine gemeinsame Grundlage dialogisch konstruieren, auf der alle Gruppen in gegenseitiger Toleranz sich eigene Gestaltungsräume erschließen können. Gesellschaftskonzeptionen hängen nicht an konkurrierenden Identitätsblöcken fest, sondern erschließen sich dialogisch im hybriden Raum zwischen diesen, worauf Homi Bhabha hinweist. Ein gesellschaftlicher Dialog, an dem alle Gruppen beteiligt sind, ist notwendig um eine akzeptable, offene und chancenreiche Zukunft zu gestalten.

Advertisements

Schreibe einen Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: