Rasnoobrasie – Berlin – Казань


Musa Dshalil – Geschichte, Gedenken, Imagination by mieste
24 Oktober 2007, 6:32 pm
Filed under: Unser Archiv

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Projektbereich Geschichtsbilder

Rasnoobrasie – oder vom Umgang mit der Vielfalt
Разнообразие – или со знакомства с разнообразием

Ein Projekt von Trialog e.V.

Ziele

1. Im Rahmen des Trialog-Projektes ist grundsätzlich zu untersuchen, wie unter verschiedenen lokalen und zeitlichen Rahmenbedingungen die Erinnerung an einen historischen Akteur instrumentalisiert wird, Akzentverschiebungen erfährt, aber auch welche Gemeinsamkeiten bestehen. In Berlin soll dies anhand der Erinnerung an Dshalil in den beiden deutschen Staaten bis 1990 sowie nach der Wiedervereinigung geschehen. Für Kasan scheint zunächst zuzutreffen, daß das Gedenken an Dshalil aufgrund dessen tatarischer Nationalität einerseits und dem antifaschistischen Widerstand andererseits ein verbindendes Element zwischen russischer und tatarischer Bevölkerungsgruppe, aber auch für sowjetische und postsowjetische Erinnerungskultur darstellt. Ziel ist es, diese These zu untersuchen und zu fragen, wie bei Tataren und Russen – anders als beispielsweise in Estland – ein gemeinsames Gedenken möglich ist. Und wie stellt sich die Kontinuität von Erinnerung im Vergleich von Deutschland einerseits, und der Sowjetunion bzw. der Rußländischen Föderation andererseits dar?

2. Wir möchten weiterhin fragen, welche Aspekte der Musa-Dshalil-Rezeption von welchen gesellschaftlichen Akteuren genutzt werden. Dies vor dem Hintergrund einer fast exzessiven Dshalil-Verehrung im postsowjetischen Tatarstan. Hat die Dshalil-Verehrung im offiziellen Tatarstan etwas zu tun mit der laizistischen Grundhaltung der tatarstanischen Eliten? Stellt die Ikone Dshalil eine integrierende Figur für alle Ethnien des Transformationsstaates Tatarstan dar, weil explizit islamische Staats-Symbolik vermieden werden muss?

3. Ein Großteil der sowjetischen und der DDR-Literatur zu Dshalil folgt einem gängigen Erzählmuster. Der Dichter wird hier zu einem sowjetischen Helden und Internationalisten ohne Fehl und Tadel stilisiert. Angesichts des Schicksals vieler sowjetischer Kriegsgefangener, die nach ihrer Rückkehr der Verfolgung zum Opfer fielen, stellt sich die Frage, inwieweit der Märtyrertod Dshalils in der Gefangenschaft ein konstitutives Element solcher Heldenerzählungen darstellt. Ziel ist es, Form und Funktion dieser Literaturgattung daraufhin näher zu untersuchen sowie dessen Untermauerung oder Dekonstruktion durch neue historische Forschungen sowie Umdeutungen in postsowjetischen Diskursen Tatarstans zu beleuchten. Und: Inwiefern beeinflusste Literatur von und über Dhalil das Bild von Tataren und „Tartaren“ im kollektiven Gedächtnis der (Ost-)Deutschen?

4. Ein erst in jüngster Zeit stärker in den Blickpunkt rückender europäischer Aspekt des Themas ist die Kollaboration. 1,3 bis 1,5 Millionen sowjetischer Bürger dienten aus unterschiedlichsten Gründen in der Wehrmacht. Während die Forschung dazu in der Sowjetunion tabuisiert war, konnte Dshalil trotz (oder gerade wegen) seiner Tätigkeiten in deutschen Diensten als positive Identifikationsfigur dienen – sowohl aus tatarisch-nationalistischer als auch sowjetisch-heroischer Perspektive. Wie war dies angesichts der offiziellen Verdrängung des Themas möglich? Gab es informelle Diskurse zu Dshalils ausgeblendeter Wehrmachtszeit?

5. Die Ausstellung der Projektergebnisse soll zum Dialog über die Mannigfaltigkeit der Erinnerungsformen einladen und mithelfen, den Weg zu einer Verständigung zu ebnen. Konkret sollen auch konstruktive Vorschläge für einzelne Erinnerungsorte erarbeitet werden. Dies würde in Berlin z.B. das Wehrmachtsgefängnis in Moabit betreffen, in dem Dshalil inhaftiert war, und wo – im Gegensatz zur Hinrichtungsstätte in Plötzensee – noch nicht an ihn erinnert wird. Auch Wehrmachtsdruckerei und Wirkungsstätten der Tatarischen Leitstelle der Wehrmacht und des Tatarischen Kampfbundes sowie der letzte Wohnort von Musa Dshalil in Charlottenburg wären solche Orte.

6. Sämtliche Teilnehmer sind gleichzeitig Mitorganisatoren der Konferenzen und übernehmen Verantwortung für deren Umsetzung. Ziel dieses Ansatzes ist es, allen Teilnehmern die Möglichkeit zu bieten, Erfahrungen und Kompetenzen in internationalen Kooperationsprojekten einzubringen, zu erwerben und diese somit später selbständig durchführen zu können.

Projektaufbau

Organisation und Kommunikation

Die organisatorische und inhaltliche Vorbereitung der Konferenzen erfolgt in zwei studentischen Arbeitsgruppen in Kasan und Berlin mit Unterstützung des Vereins „Trialog – Netzwerk junger Ideen e.V.“ Die Koordination der beiden Gruppen liegt dabei in den Händen von Teilnehmern der letztjährigen Konferenzreihe. Die Projektgruppen arbeiten seit März diesen Jahres am Entwurf eines gemeinsamen Konzepts. Nach Abschluss der Konzeptionsphase soll nunmehr – ab August/September diesen Jahres – die inhaltliche Vorbereitung der Konferenzen erfolgen. Dabei befassen sich in beiden Städten Arbeitsgruppen mit der Recherche und Materialsichtung zu Einzelaspekten des Themas. Zentrales Medium der Kommunikation zwischen den beiden Gruppen wird in dieser Phase der Blog sein, in dem Arbeitsergebnisse wie Literatur- und Linklisten, Essays und Diskussionsbeiträge veröffentlicht werden. Hier können sie von Projektteilnehmern, aber auch der interessierten Öffentlichkeit eingesehen und diskutiert werden. Hieraus ergeben sich dann schrittweise auch die Beiträge der einzelnen Teilnehmer bzw. Arbeitsgruppen zu den Konferenzen.

Konferenzphase – 1. Teil: Kasan

Während allgemeine Arbeitsgrundlagen bereits in Berlin geschaffen wurden, wird in Kasan aufgrund der weitaus höheren Anzahl von mit Musa Dshalil verbundenen Erinnerungsorten die praktische Arbeit einen breiteren Raum einnehmen. Wiederum werden Museen – darunter das Musa – Dshalil – Museum sowie das tatarische Nationalmuseum besucht und auf die Konzeption ihrer Ausstellung kritisch hinterfragt werden. Die zahlreichen Dshalils Gedenken gewidmeten Orte in der Stadt – Denkmäler, Straßennamen, Gedenktafeln, das Musa – Dshalil Operntheater usw. werden dokumentiert und ihre Rolle im Stadtbild im Kontext ihrer Geschichte diskutiert. Dies kann durch eine Exkursion zu im Umland gelegenen, mit Dshalil verbundenen, Orten ergänzt werden. Interviews mit Angehörigen zweier Generationen geben Auskunft über die Entwicklung des Dshalil – Bildes in Kasan. Schließlich sollen die Arbeitsergebnisse mit Kasaner Wissenschaftlern, die zu Dshalil forschen, diskutiert werden.

Zu den einzelnen Aspekten des Themas werden gemischtnationale Arbeitsgruppen gebildet, die Ergebnisse festhalten und weiterführende Fragen für den Berliner Teil entwickeln.

Zwischenphase

Im Zeitraum zwischen den beiden Konferenzen wird eine Evaluation des ersten Teils stattfinden, die es ermöglicht, anhand der gesammelten Erfahrungen gegebenenfalls Fragestellungen und Methoden anzupassen. Die Arbeitsgruppen werden über die Kommunikation im Blog weiter in Kontakt bleiben und so die Kasaner Konferenz vorbereiten.

Konferenzphase – 2. Teil: Berlin

Während der Konferenzen sollen die Teilnehmerbeiträge diskutiert, Experten eingeladen sowie Erinnerungsorte besichtigt und dokumentiert werden. In gemischtnationalen Arbeitsgruppen werden die Arbeitsergebnisse dann zunächst in Form von Essays, Fotodokumentationen und Videos festgehalten. Ein späteres Erstellen von Presse-Artikeln und wissenschaftlichen Aufsätzen kann die Dokumentationen ergänzen.

In Berlin sollen im ersten Schritt die Teilnehmerbeiträge nochmals im Plenum diskutiert und somit eine gemeinsame Arbeitsgrundlage geschaffen werden. In Berlin ansässige Experten werden eingeladen. Danach steht die Besichtigung der in Berlin zentral mit Musa Dshalil verbundenen Orte auf dem Programm: der Gedenkstätte Plötzensee sowie des Einzel-Zellen-Gefängnis Moabit. Die Orte sollen fotografisch dokumentiert werden. Im Gespräch mit den an den Ausstellungen beteiligten Wissenschaftlern soll deren Konzept diskutiert und kritisch hinterfragt werden. Im Zellengefängnis Lehrter Strasse / Moabit wird bisher nicht an Musa Dshalil erinnert.
Als Teil historischer Forschung an Selbstzeugnissen (Erinnnerungs-Archäologie) werden Treffen mit ehemaligen Mitarbeitern des VEB Bremsenwerkes Berlin, heute Firma Knorr Bremse (nach wie vor Partnerbetrieb des KAMAZ-Werkes in Yar Calli / Nabereshnye Tschelny in der TASSR), vor allem der Brigade „Mussa Dshalil“ Gelegenheit für Gespräche mit Zeitzeugen geben.
Gegen Ende des Projekts ist ein Workshop geplant, der helfen soll, Möglichkeiten und Ideen für die weitere Zusammenarbeit auszuloten, insbesondere in Hinblick auf die Umsetzung der Ausstellung, aber auch auf eventuelle Folgeprojekte zwischen Tatarstan, Deutschland und der Rußländischen Föderation.

Methoden und Quellen

Methoden sowie Quellen und Materialien werden entsprechend der einzelnen Fragestellungen gewählt. In Berlin sind die zentral mit Musa Dshalil verbundenen Orte das ehemalige Wehrmachtsgefängnis in Moabit sowie seine Hinrichtungsstätte in Plötzensee. An beiden Orten wird an die Vergangenheit erinnert, Musa Dshalil und der tatarische Widerstand werden jedoch nur in Plötzensee thematisiert. Dementsprechend sollen diese beiden Erinnerungsorte in Augenschein genommen und das dem jeweiligen Gedenken zugrundeliegende Konzept kritisch hinterfragt werden. Interessant ist hierbei vor allem auch die Entwicklung der Gedenkstätte in Plötzensee im Spiegel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zunächst als reiner Erinnerungsort für den deutschen Widerstand konzipiert, wurde die Ausstellung in den auf die Eröffnung 1952 folgenden Jahrzehnten mehrfach ergänzt und erweitert.

Hauptsächlich anhand der Auswertung von Literatur von und über Dshalil soll die Situation in den beiden deutschen Staaten sowie nach der Wiedervereinigung verglichen werden. Dshalils literarisches Werk wurde hauptsächlich in der DDR verlegt, hier wurde 1963 auch ein Film unter dem Titel „Die rote Kamille“ über ihn gedreht. Eine Brigade der Berliner Bremsenwerke trug den Namen Dshalils. Zu diskutieren ist, wie die in der DDR begründete Erinnerung an Dshalil auch in einem gesamtdeutschen Kontext fortwirken kann bzw. inwieweit sie ideologisch nicht von ihren Wurzeln zu trennen ist.

In diesem Kontext wollen wir uns mit Vertretern der tatarischen Vereine und Veteranen der Musa-Dshalil-Brigade des VEB Bremsenwerks Berlin in Deutschland treffen. Deutschlandweit existiert ein Netzwerk tatarischer Vereine unter dem Dach von „Tatarlar Deutschland e.V.“ In Berlin gibt es noch dazu den Tatarisch-Baschkirischen Kulturverein (TBKV), den TAMGA e.V. und die Redaktion der deutsch-tatarischen Zeitschrift Altabash. All diese Institutionen als auch die Rußländische Botschaft und der „Verein der Freunde der Völker Russlands e.V.“ waren im letzten Jahr an der Vorbereitung und Durchführung des Musa-Dshalil-Gedenk-Jahres 2006 beteiligt. Delegationen aus Tatarstan und Moskau, aber auch Tataren von der Krim und aus Litauen besuchten Berlin.

Fünf Jahre nach dem in der DDR gedrehten Film wurde auch in der Sowjetunion 1968 in einem Dokumentarfilm unter dem Titel „Моабитская тетрадь“ (Moabiter Heft) an Dshalil erinnert. Ein weiterer Film wurde im postsowjetischen Tatarstan erstellt. Der Vergleich der drei Filme soll helfen Unterschiede in der Erinnerungskultur von DDR und Sowjetunion herauszuarbeiten. Besonderes Augenmerk wird dabei auf der Darstellung von Dshalil als Helden sowie der Thematisierung von Kollaboration und Widerstand liegen.

Für den Bereich der russischen und tatarischen Erinnerung an Dshalil stehen zunächst ein Fülle von Dshalil gewidmeten Straßen, Denkmälern, Museen, Gedenktafeln etc. in Kasan und Umland zur Verfügung. Für die Frage nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten in der russischen, tatarischen sowie sowjetischen Erinnerungstradition sollen insbesondere das tatarische Nationalmuseum (wo auch die Originale der Moabiter Hefte ausgestellt sind) sowie das Musa – Dshalil – Museum in Kasan verglichen werden. Aufschluß über nationale Spezifika kann auch der Vergleich von zweisprachigen (russisch und tatarisch) Gedenktafeln und Denkmalinschriften liefern. Schließlich können Interviews mit bzw. Erinnerungen von zwei unterschiedlichen Generationen – Kasaner Studenten einerseits und Angehörige der Kriegsgeneration andererseits – Auskunft über die Entwicklung des Gedenkens an Dshalil geben. Was assoziieren die Befragten mit Dshalil? Und wie wird sein Werk in Schule und Hochschule vermittelt?

Das Genre der sowjetischen Heldenerzählungen soll zunächst unter literaturkritischen Gesichtspunkten analysiert werden, um dessen Bestandteile benennen zu können. In der Zusammenarbeit mit Experten, die zu Dshalil forschen, kann dann in einem zweiten Schritt anhand neueren Quellenmaterials die Heldenerzählung zu Dshalil anhand historischer Fakten kritisch hinterfragt werden.

Abgerundet werden kann das Gesamtbild durch die Sichtung weiterer – z.B. philatelistischer – Erinnerungsstücke zu Dshalil und einen Blick auf die künstlerische Auseinandersetzung mit Dshalil – so existiert zu seinem Leben u.a. auch eine Oper.

Nachbereitung / Ergebnisse

In der Nachbereitung erfolgt wiederum zunächst die Veröffentlichung der endgültigen Arbeitsergebnisse im Blog. Nachdem diese Ergebnisse hier auch öffentlich diskutiert wurden, wird sich ein Kern von Teilnehmern intensiv der Frage der Umsetzung einer Ausstellung widmen.

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1 Kommentar so far
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Super Beitrag – danke für den Hinweis! Das Thema wird in nächster Zeit bestimmt noch wichtiger werden. Ich meine, da letztens nen Bericht zu gelesen zu haben. Viele Grüße, Ellen Bohl

Kommentar von Ellen Bohl




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