Rasnoobrasie – Berlin – Казань


Artikel zu Musa-Dshalil-Gedenken 2006 in Deutschland / Статья о памяти о Мусе Джалиле в 2006 году в Германии by mieste
30 Oktober 2007, 11:39 am
Filed under: Unser Archiv

Informationen über das Musa-Dshalil-Gedenken in Deutschland in der tatarisch-deutschen Zeitung Altabash unter http://altabash.tk
In Nr. 2/17 Februar 2006 und Nr. 3/18 März 2006

Информация о памяти о Мусе Джалиле в 2006 году в Германии, имеется в татарско-немецкой газете Altabash на сайте http://altabash.tk В номерах 2/17 февраль 2006 и 3/18 март 2006

In der tatarisch-baschkirischen Kulturzeitschrift „Bertugan“ Nr. I, 2006.

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Musa Dshalil – Geschichte, Gedenken, Imagination by mieste
24 Oktober 2007, 6:32 pm
Filed under: Unser Archiv

musa-tanda.jpg

Projektbereich Geschichtsbilder

Rasnoobrasie – oder vom Umgang mit der Vielfalt
Разнообразие – или со знакомства с разнообразием

Ein Projekt von Trialog e.V.

Ziele

1. Im Rahmen des Trialog-Projektes ist grundsätzlich zu untersuchen, wie unter verschiedenen lokalen und zeitlichen Rahmenbedingungen die Erinnerung an einen historischen Akteur instrumentalisiert wird, Akzentverschiebungen erfährt, aber auch welche Gemeinsamkeiten bestehen. In Berlin soll dies anhand der Erinnerung an Dshalil in den beiden deutschen Staaten bis 1990 sowie nach der Wiedervereinigung geschehen. Für Kasan scheint zunächst zuzutreffen, daß das Gedenken an Dshalil aufgrund dessen tatarischer Nationalität einerseits und dem antifaschistischen Widerstand andererseits ein verbindendes Element zwischen russischer und tatarischer Bevölkerungsgruppe, aber auch für sowjetische und postsowjetische Erinnerungskultur darstellt. Ziel ist es, diese These zu untersuchen und zu fragen, wie bei Tataren und Russen – anders als beispielsweise in Estland – ein gemeinsames Gedenken möglich ist. Und wie stellt sich die Kontinuität von Erinnerung im Vergleich von Deutschland einerseits, und der Sowjetunion bzw. der Rußländischen Föderation andererseits dar?

2. Wir möchten weiterhin fragen, welche Aspekte der Musa-Dshalil-Rezeption von welchen gesellschaftlichen Akteuren genutzt werden. Dies vor dem Hintergrund einer fast exzessiven Dshalil-Verehrung im postsowjetischen Tatarstan. Hat die Dshalil-Verehrung im offiziellen Tatarstan etwas zu tun mit der laizistischen Grundhaltung der tatarstanischen Eliten? Stellt die Ikone Dshalil eine integrierende Figur für alle Ethnien des Transformationsstaates Tatarstan dar, weil explizit islamische Staats-Symbolik vermieden werden muss?

3. Ein Großteil der sowjetischen und der DDR-Literatur zu Dshalil folgt einem gängigen Erzählmuster. Der Dichter wird hier zu einem sowjetischen Helden und Internationalisten ohne Fehl und Tadel stilisiert. Angesichts des Schicksals vieler sowjetischer Kriegsgefangener, die nach ihrer Rückkehr der Verfolgung zum Opfer fielen, stellt sich die Frage, inwieweit der Märtyrertod Dshalils in der Gefangenschaft ein konstitutives Element solcher Heldenerzählungen darstellt. Ziel ist es, Form und Funktion dieser Literaturgattung daraufhin näher zu untersuchen sowie dessen Untermauerung oder Dekonstruktion durch neue historische Forschungen sowie Umdeutungen in postsowjetischen Diskursen Tatarstans zu beleuchten. Und: Inwiefern beeinflusste Literatur von und über Dhalil das Bild von Tataren und „Tartaren“ im kollektiven Gedächtnis der (Ost-)Deutschen?

4. Ein erst in jüngster Zeit stärker in den Blickpunkt rückender europäischer Aspekt des Themas ist die Kollaboration. 1,3 bis 1,5 Millionen sowjetischer Bürger dienten aus unterschiedlichsten Gründen in der Wehrmacht. Während die Forschung dazu in der Sowjetunion tabuisiert war, konnte Dshalil trotz (oder gerade wegen) seiner Tätigkeiten in deutschen Diensten als positive Identifikationsfigur dienen – sowohl aus tatarisch-nationalistischer als auch sowjetisch-heroischer Perspektive. Wie war dies angesichts der offiziellen Verdrängung des Themas möglich? Gab es informelle Diskurse zu Dshalils ausgeblendeter Wehrmachtszeit?

5. Die Ausstellung der Projektergebnisse soll zum Dialog über die Mannigfaltigkeit der Erinnerungsformen einladen und mithelfen, den Weg zu einer Verständigung zu ebnen. Konkret sollen auch konstruktive Vorschläge für einzelne Erinnerungsorte erarbeitet werden. Dies würde in Berlin z.B. das Wehrmachtsgefängnis in Moabit betreffen, in dem Dshalil inhaftiert war, und wo – im Gegensatz zur Hinrichtungsstätte in Plötzensee – noch nicht an ihn erinnert wird. Auch Wehrmachtsdruckerei und Wirkungsstätten der Tatarischen Leitstelle der Wehrmacht und des Tatarischen Kampfbundes sowie der letzte Wohnort von Musa Dshalil in Charlottenburg wären solche Orte.

6. Sämtliche Teilnehmer sind gleichzeitig Mitorganisatoren der Konferenzen und übernehmen Verantwortung für deren Umsetzung. Ziel dieses Ansatzes ist es, allen Teilnehmern die Möglichkeit zu bieten, Erfahrungen und Kompetenzen in internationalen Kooperationsprojekten einzubringen, zu erwerben und diese somit später selbständig durchführen zu können.

Projektaufbau

Organisation und Kommunikation

Die organisatorische und inhaltliche Vorbereitung der Konferenzen erfolgt in zwei studentischen Arbeitsgruppen in Kasan und Berlin mit Unterstützung des Vereins „Trialog – Netzwerk junger Ideen e.V.“ Die Koordination der beiden Gruppen liegt dabei in den Händen von Teilnehmern der letztjährigen Konferenzreihe. Die Projektgruppen arbeiten seit März diesen Jahres am Entwurf eines gemeinsamen Konzepts. Nach Abschluss der Konzeptionsphase soll nunmehr – ab August/September diesen Jahres – die inhaltliche Vorbereitung der Konferenzen erfolgen. Dabei befassen sich in beiden Städten Arbeitsgruppen mit der Recherche und Materialsichtung zu Einzelaspekten des Themas. Zentrales Medium der Kommunikation zwischen den beiden Gruppen wird in dieser Phase der Blog sein, in dem Arbeitsergebnisse wie Literatur- und Linklisten, Essays und Diskussionsbeiträge veröffentlicht werden. Hier können sie von Projektteilnehmern, aber auch der interessierten Öffentlichkeit eingesehen und diskutiert werden. Hieraus ergeben sich dann schrittweise auch die Beiträge der einzelnen Teilnehmer bzw. Arbeitsgruppen zu den Konferenzen.

Konferenzphase – 1. Teil: Kasan

Während allgemeine Arbeitsgrundlagen bereits in Berlin geschaffen wurden, wird in Kasan aufgrund der weitaus höheren Anzahl von mit Musa Dshalil verbundenen Erinnerungsorten die praktische Arbeit einen breiteren Raum einnehmen. Wiederum werden Museen – darunter das Musa – Dshalil – Museum sowie das tatarische Nationalmuseum besucht und auf die Konzeption ihrer Ausstellung kritisch hinterfragt werden. Die zahlreichen Dshalils Gedenken gewidmeten Orte in der Stadt – Denkmäler, Straßennamen, Gedenktafeln, das Musa – Dshalil Operntheater usw. werden dokumentiert und ihre Rolle im Stadtbild im Kontext ihrer Geschichte diskutiert. Dies kann durch eine Exkursion zu im Umland gelegenen, mit Dshalil verbundenen, Orten ergänzt werden. Interviews mit Angehörigen zweier Generationen geben Auskunft über die Entwicklung des Dshalil – Bildes in Kasan. Schließlich sollen die Arbeitsergebnisse mit Kasaner Wissenschaftlern, die zu Dshalil forschen, diskutiert werden.

Zu den einzelnen Aspekten des Themas werden gemischtnationale Arbeitsgruppen gebildet, die Ergebnisse festhalten und weiterführende Fragen für den Berliner Teil entwickeln.

Zwischenphase

Im Zeitraum zwischen den beiden Konferenzen wird eine Evaluation des ersten Teils stattfinden, die es ermöglicht, anhand der gesammelten Erfahrungen gegebenenfalls Fragestellungen und Methoden anzupassen. Die Arbeitsgruppen werden über die Kommunikation im Blog weiter in Kontakt bleiben und so die Kasaner Konferenz vorbereiten.

Konferenzphase – 2. Teil: Berlin

Während der Konferenzen sollen die Teilnehmerbeiträge diskutiert, Experten eingeladen sowie Erinnerungsorte besichtigt und dokumentiert werden. In gemischtnationalen Arbeitsgruppen werden die Arbeitsergebnisse dann zunächst in Form von Essays, Fotodokumentationen und Videos festgehalten. Ein späteres Erstellen von Presse-Artikeln und wissenschaftlichen Aufsätzen kann die Dokumentationen ergänzen.

In Berlin sollen im ersten Schritt die Teilnehmerbeiträge nochmals im Plenum diskutiert und somit eine gemeinsame Arbeitsgrundlage geschaffen werden. In Berlin ansässige Experten werden eingeladen. Danach steht die Besichtigung der in Berlin zentral mit Musa Dshalil verbundenen Orte auf dem Programm: der Gedenkstätte Plötzensee sowie des Einzel-Zellen-Gefängnis Moabit. Die Orte sollen fotografisch dokumentiert werden. Im Gespräch mit den an den Ausstellungen beteiligten Wissenschaftlern soll deren Konzept diskutiert und kritisch hinterfragt werden. Im Zellengefängnis Lehrter Strasse / Moabit wird bisher nicht an Musa Dshalil erinnert.
Als Teil historischer Forschung an Selbstzeugnissen (Erinnnerungs-Archäologie) werden Treffen mit ehemaligen Mitarbeitern des VEB Bremsenwerkes Berlin, heute Firma Knorr Bremse (nach wie vor Partnerbetrieb des KAMAZ-Werkes in Yar Calli / Nabereshnye Tschelny in der TASSR), vor allem der Brigade „Mussa Dshalil“ Gelegenheit für Gespräche mit Zeitzeugen geben.
Gegen Ende des Projekts ist ein Workshop geplant, der helfen soll, Möglichkeiten und Ideen für die weitere Zusammenarbeit auszuloten, insbesondere in Hinblick auf die Umsetzung der Ausstellung, aber auch auf eventuelle Folgeprojekte zwischen Tatarstan, Deutschland und der Rußländischen Föderation.

Methoden und Quellen

Methoden sowie Quellen und Materialien werden entsprechend der einzelnen Fragestellungen gewählt. In Berlin sind die zentral mit Musa Dshalil verbundenen Orte das ehemalige Wehrmachtsgefängnis in Moabit sowie seine Hinrichtungsstätte in Plötzensee. An beiden Orten wird an die Vergangenheit erinnert, Musa Dshalil und der tatarische Widerstand werden jedoch nur in Plötzensee thematisiert. Dementsprechend sollen diese beiden Erinnerungsorte in Augenschein genommen und das dem jeweiligen Gedenken zugrundeliegende Konzept kritisch hinterfragt werden. Interessant ist hierbei vor allem auch die Entwicklung der Gedenkstätte in Plötzensee im Spiegel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zunächst als reiner Erinnerungsort für den deutschen Widerstand konzipiert, wurde die Ausstellung in den auf die Eröffnung 1952 folgenden Jahrzehnten mehrfach ergänzt und erweitert.

Hauptsächlich anhand der Auswertung von Literatur von und über Dshalil soll die Situation in den beiden deutschen Staaten sowie nach der Wiedervereinigung verglichen werden. Dshalils literarisches Werk wurde hauptsächlich in der DDR verlegt, hier wurde 1963 auch ein Film unter dem Titel „Die rote Kamille“ über ihn gedreht. Eine Brigade der Berliner Bremsenwerke trug den Namen Dshalils. Zu diskutieren ist, wie die in der DDR begründete Erinnerung an Dshalil auch in einem gesamtdeutschen Kontext fortwirken kann bzw. inwieweit sie ideologisch nicht von ihren Wurzeln zu trennen ist.

In diesem Kontext wollen wir uns mit Vertretern der tatarischen Vereine und Veteranen der Musa-Dshalil-Brigade des VEB Bremsenwerks Berlin in Deutschland treffen. Deutschlandweit existiert ein Netzwerk tatarischer Vereine unter dem Dach von „Tatarlar Deutschland e.V.“ In Berlin gibt es noch dazu den Tatarisch-Baschkirischen Kulturverein (TBKV), den TAMGA e.V. und die Redaktion der deutsch-tatarischen Zeitschrift Altabash. All diese Institutionen als auch die Rußländische Botschaft und der „Verein der Freunde der Völker Russlands e.V.“ waren im letzten Jahr an der Vorbereitung und Durchführung des Musa-Dshalil-Gedenk-Jahres 2006 beteiligt. Delegationen aus Tatarstan und Moskau, aber auch Tataren von der Krim und aus Litauen besuchten Berlin.

Fünf Jahre nach dem in der DDR gedrehten Film wurde auch in der Sowjetunion 1968 in einem Dokumentarfilm unter dem Titel „Моабитская тетрадь“ (Moabiter Heft) an Dshalil erinnert. Ein weiterer Film wurde im postsowjetischen Tatarstan erstellt. Der Vergleich der drei Filme soll helfen Unterschiede in der Erinnerungskultur von DDR und Sowjetunion herauszuarbeiten. Besonderes Augenmerk wird dabei auf der Darstellung von Dshalil als Helden sowie der Thematisierung von Kollaboration und Widerstand liegen.

Für den Bereich der russischen und tatarischen Erinnerung an Dshalil stehen zunächst ein Fülle von Dshalil gewidmeten Straßen, Denkmälern, Museen, Gedenktafeln etc. in Kasan und Umland zur Verfügung. Für die Frage nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten in der russischen, tatarischen sowie sowjetischen Erinnerungstradition sollen insbesondere das tatarische Nationalmuseum (wo auch die Originale der Moabiter Hefte ausgestellt sind) sowie das Musa – Dshalil – Museum in Kasan verglichen werden. Aufschluß über nationale Spezifika kann auch der Vergleich von zweisprachigen (russisch und tatarisch) Gedenktafeln und Denkmalinschriften liefern. Schließlich können Interviews mit bzw. Erinnerungen von zwei unterschiedlichen Generationen – Kasaner Studenten einerseits und Angehörige der Kriegsgeneration andererseits – Auskunft über die Entwicklung des Gedenkens an Dshalil geben. Was assoziieren die Befragten mit Dshalil? Und wie wird sein Werk in Schule und Hochschule vermittelt?

Das Genre der sowjetischen Heldenerzählungen soll zunächst unter literaturkritischen Gesichtspunkten analysiert werden, um dessen Bestandteile benennen zu können. In der Zusammenarbeit mit Experten, die zu Dshalil forschen, kann dann in einem zweiten Schritt anhand neueren Quellenmaterials die Heldenerzählung zu Dshalil anhand historischer Fakten kritisch hinterfragt werden.

Abgerundet werden kann das Gesamtbild durch die Sichtung weiterer – z.B. philatelistischer – Erinnerungsstücke zu Dshalil und einen Blick auf die künstlerische Auseinandersetzung mit Dshalil – so existiert zu seinem Leben u.a. auch eine Oper.

Nachbereitung / Ergebnisse

In der Nachbereitung erfolgt wiederum zunächst die Veröffentlichung der endgültigen Arbeitsergebnisse im Blog. Nachdem diese Ergebnisse hier auch öffentlich diskutiert wurden, wird sich ein Kern von Teilnehmern intensiv der Frage der Umsetzung einer Ausstellung widmen.



Vortrag Integration by philippjaeger
24 Oktober 2007, 11:00 am
Filed under: Unser Archiv

Vortrag: „Soziolinguistische Besonderheiten der Integration von Deutschen aus den Ländern der GUS in Deutschland anhand von Beispielen aus der Stadt Speyer (Rheinland-Pfalz)“

Teile:
1.Migration und Integration in Deutschland und Rheinland-Pfalz
2.Der Vorfall Alexeij Schneider
3.Multikulturelles Radio Rasik.de
4.Gedanken zur Migration

1. Migration und Integration in der Bundesrepublik Deutschland und Rheinland-Pfalz
Der Prozess der Migration zieht sich durch die gesamte Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Bereits in den Nachkriegsjahren galt es über zehn Mio. Vertriebene unter schwierigsten Bedingungen zu integrieren, wovon ca. acht Mio. Flüchtlinge in die Westzonen drangen, die bald heimisch wurden. Ihre Arbeitskraft wurde in den Jahren der Wirtschaftswunderzeit dringend benötigt, was ihr Einbeziehen die gesellschaftlichen Prozesse erleichterte.
In den 50ern und 60ern wurden verstärkt Gastarbeiter aus Südeuropa nach Deutschland geholt, um die florierende Industrie weiter aufzubauen. Ab den 60er Jahren lud man Gastarbeiter aus der Türkei ein, die heute bereits maßgeblich das Bild Deutschlands veränderten. Anfänglich planten viele der Gastarbeiter nach ein paar Jahren der Arbeitsaktivität in der Bundesrepublik wieder in ihre Länder zurückzukehren, jedoch viele nahmen sich dem attraktiven Leben in Deutschland an, holten ihre Familien nach und siedelten sich dauerhaft an. Einige von ihnen, vornehmlich die Kinder der Migranten, die komplett in der deutschen Lebenswelt aufwuchsen, erwarben die deutsche Staatsbürgerschaft und sind heute ein fester Teil der deutschen Gesellschaft.
Eine weitere Welle der Migration setzte Ende der 80er Jahre mit den so genannten Aussiedlern ein. Die offizielle Bezeichnung „Aussiedler“ gilt für Menschen deutscher Volkszugehörigkeit und deren Angehörige aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks, die sich entscheiden nach Deutschland überzusiedeln, was ihnen per Artikel 116, Abschnitt 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik zusteht.
Der Prozess der Migration der Aussiedler hält bis heute an, begleitet von zahlreichen Problemen. Die ersten Aussiedler Ende der 80er Jahre konnten ohne Auflagen nach Deutschland einreisen, was sich als schwierig herausstellte, denn ohne sprachliche Voraussetzungen blieb die Integration nur ansatzweise. Zudem hatte sich das Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik Ende der 80er Jahre abgekühlt, so dass die Jobmöglichkeiten bei zwei Millionen Arbeitslosen begrenzt waren.
Die Migration der Aussiedler wurde durch den Prozess der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten überlagert, der selbstverständlich höchste Priorität erhielt. Gewaltige Anstrengungen waren notwendig, um das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland zu bewerkstelligen, das bis heute noch nicht komplett abgeschlossen ist. Die Wiedervereinigung veränderte die Rahmenbedingungen für den Erhalt und die Entwicklung des Sozialstaates, der durch immer mehr Menschen im Rentenalter, aber vor allem durch eine gravierende Arbeitslosigkeit, bedingt durch die Wirtschaftstransformation, stark angespannt wurde. Unter diesen Bedingungen verkomplizierte sich die Ausgangslage zur Integration von Aussiedlern.

Heute, fast 20 Jahre nach dem Beginn der Migration der Aussiedler, kann man nicht von einem abgeschlossenen Prozess sprechen. Immer noch kommen Menschen mit deutschen Wurzeln in die Bundesrepublik. Ebenfalls sind die Aussiedler nicht spurlos in der deutschen Gesellschaft aufgegangen. Vielmehr bilden sie wahrnehmbare Fragmente im gesellschaftlichen Gewebe, das sie durch ihre kulturelle Eigenheiten um- und mitgestalten.
Um einige Aspekte der gegenwärtigen Situation der Aussiedler zu schildern, möchte ich über zwei Beispiele aus meiner Geburtsstadt Speyer im Südwesten Deutschlands berichten. Die Stadt Speyer liegt am Rhein im Bundesland Rheinland-Pfalz, das in diesem Jahr das sechzigste Jubiläum feierte. Da hier nach dem Krieg französische Soldaten Dienst hielten, hatte Rheinland-Pfalz keinen Bezug zur russischen Kultur, wie es in der sowjetischen Besatzungszone im Osten Deutschlands der Fall war. Mit Russland kamen die Rheinland-Pfälzer eben gerade durch die Russlanddeutsche in Kontakt, durch jene Menschen die die ehem. UdSSR verließen um in Deutschland zu leben.
Die Aussiedler brachten ihre kulturellen Ausprägungen nach Deutschland mit. Dazu gehörten sowohl Gegenstände der materiellen Kultur, als auch orale Ausdrucksformen wie Lieder, Legenden, Sagen und Märchen mit, die untrennbar mit der russischen Sprache verbunden sind. Oft war es so, dass Aussiedler überhaupt erst Deutsch in Deutschland lernten und einige bis heute in ihrer Familie auf Russisch reden. Für sie ist die Russische Sprache eine Ausdrucksform ihrer kulturellen Identität.

2. Der Vorfall Alexeij Schneider
Am frühen Morgen des 16. Juli diesen Jahres ereignete sich in Speyer ein schwerer Zwischenfall an dem die Polizei und der 19 Jahre alte Russlanddeutsche Alexeij Schneider beteiligt war, der für den jungen Mann tödlich endete. Alexeij, der bereits ein langes Vorstrafenregister hatte, flüchtete vor einer nächtlichen Polizeikontrolle und geriet in eine Verfolgungsjagd. Als sein Auto zum Halten gezwungen wurde, widersetzte er sich der Festnahme und fuhr einen Beamten an, der schwer verletzt wurde. Sein Kollege zog seine Waffe und stoppte Alexeij Schneider durch zwei Schüsse in den Oberkörper. Ein paar Stunden später erlag dieser seinen Verletzungen im Krankenhaus.
Nach diesem Vorfall brach in Rheinland-Pfalz eine öffentliche Debatte um die Integration von Aussiedlern los, die bisweilen auf das Schärfste geführt wurde und zahlreiche Klischees die Russlanddeutschen betreffend wieder aufkochte.
Schnell wurde gefordert, dass kriminelle Russlanddeutsche wieder ihren Pass abgeben und zurückgeschickt werden sollten. Solche Leute seien es nicht Wert in der Deutschen Gesellschaft zu leben. Teilweise wird Russlanddeutschen nachgesagt, dass sie trinksüchtig und faul wären und somit schnell auf die falsche Bahn geraten können. Behauptet wird, dass Aussiedler mit unter keinen Schul- oder Berufsabschluss hätten, aber eine Menge Geld machen würden, dass aus illegalen Geschäften stamme.
Dies ist jedoch genau ein Punkt, an dem man ansetzen und nachhaken kann. Aussiedlerkinder machen in der Schule die Erfahrung gehänselt und benachteiligt zu werden, was vor allem mit Sprachproblemen zusammenhängt. Viele haben dadurch nicht die gleichen Möglichkeiten einer beruflichen Qualifikation als Jungendliche ohne Migrationshintergrund. Manche fühlen sich als Bürger zweiter Klasse.
Dazu kommt, dass die sowjetischen Diplome nicht anerkannt werden und somit erst eine Zusatzausbildung nötig ist, bevor jemand in einem qualifizierten Beruf arbeiten kann, was vor allem ältere Aussiedler hart trifft, die sowieso schon auf dem Arbeitsmarkt schlechter gestellt sind.
In Speyer kam es nach dem Tod Alexeij Schneiders zu Demonstrationen und öffentlichen Sympathiebekundungen zum Verstorbenen, bei denen gegenseitige Beschimpfungen und Beleidigungen ausgetauscht wurden. Es wurde sich auch rassistischer Parolen bedient. Auf der anderen Seite hörte man Stimmen aus dem Lager der Aussiedler, es sei Mord gewesen und man plane einen Racheakt gegen die Polizei.
In der Tat herrschen viele gegenseitige Vorurteile vor. Als ich selbst noch in Speyer zur Schule ging, riet man mir ab nach Speyer-Nord zu gehen, wo mehrere Tausend Aussiedler in räumlicher Segregation zu den einheimischen Speyerern wohnen. Dort werde man von „den Russen“ nur angepöbelt und verprügelt.
Auf Seiten der Aussiedler ist es eine zutiefst enttäuschende Erfahrung, in der UdSSR für seine deutsche Nationalität gesondert behandelt, bestraft oder gar getötet worden zu sein und in Deutschland erneut benachteiligt zu werden. Indem sie in den Ländern der GUS als „Deutsche“, aber in Deutschland als „Russen“ angesehen werden, müssen sie ihre kulturelle Identität im hybriden Raum zweier Welten zu verorten versuchen. Diese ist keinesfalls vorgefertigt oder –definiert, sondern wird neu ausgehandelt, ein Prozess, in dem sich vor allem Jugendliche verstärkt durch ihre individuelle Entwicklung befinden.

3. Multikulturelles Radio Rasik.de
2002 ging in Speyer aus einer Initiative, die russlanddeutsche und einheimische Jugendliche zusammenbringen sollte, das deutsch-russische Radioprojekt Rasik.de, Radio Sloshnaja Kompanija hervor. In dieser Radiostation arbeiten Jugendliche aus verschiedenen Gruppen zusammen ein Programm aus, führen Interviews durch, stellen Berichte zusammen und mischen auch selbst produzierte Musik. Auf Radio Rasik.de wird deutscher und russischer Rap und HipHop, heute ein wichtiger Teil der Jugendkultur gespielt. Die Moderation ist konsequent zweisprachig.
Das Internetradio wird pro Sendung 40.000-mal abgerufen. Täglich wird die Seite 3.000-mal aufgerufen, was auf einen hohen Bekanntheitsgrad weist. Die Redaktion unterhält gute Kontakte zu den Künstlern, die ihre neuen Tracks im Radio präsentieren und interaktiv mit den Usern diskutieren. Somit wird Speyer ein Zentrum russischsprachiger HipHop-Musik in Deutschland.
Selbsternanntes Ziel von Rasik.de ist die Integration junger Aussiedler in die deutsche Gesellschaft über die Musik, was durch das gegenseitige kennen Lernen erreicht werden soll. Rasik.de ist interaktiv ausgerichtet, was darin besteht die Hörer mit einzubeziehen, die per Email ihre Grüße, Wünsche und Kritik einreichen. Nicht nur die Macher stammen aus verschiedenen Kulturen, auch die Hörer sind über Europa und die GUS verstreut. Auch Sozialverbände und die Politik nehmen Rasik.de war und honorieren den sozialen Einsatz mit Preisen und Auszeichnungen.

4. Gedanken zur Migration
In den Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen einer heterogenen postmodernen Gesellschaft nimmt die Sprache eine Schlüsselrolle ein. Sie ist das Instrument mit dem Konflikte ausgetragen und Konstanten durch Sprachspiele, die auf den Urvater des linguistic turns Ludwig Wittgenstein zurückgehen, permanent redefiniert werden.
Ein Radioprojekt ist meiner Meinung nach sehr gut geeignet die Integration zu fördern. Radio als akustisches Medium basiert auf der gesprochenen und gesungenen Sprache. Sie ist neben ihrem instrumentellen Wert mit kulturellen Eigenschaften besetzt.
Ein Radioprojekt wie Rasik.de demonstriert die Multilingualität und -vokalität der Gesellschaft in Deutschland. Einerseits lässt es Aussiedlern Artikulationsfreiräume, anderseits zeigt es Ausdrucksformen künstlerischen Schaffens von Migranten den restlichen gesellschaftlichen Gruppen. Es macht Migranten wahrnehmbar, hilft somit einen Eindruck zu vermitteln und Vorurteile abzubauen. Der öffentlich zugesprochene Stellenwert der russischen Sprache verändert sich von einer angenommenen defizitären Sprachform, die Aussiedler wählen, da ihr Deutsch unzureichend ist zu einem kreativen Reservoir, aus dem künstlerische Repräsentationen geformt werden. Meiner Meinung nach fördern solche Projekte die Akzeptanz von Minderheitensprachen in Deutschland ungemein.

Integration ist ein laufender Prozess, der immer wieder neu gesellschaftlich ausgehandelt werden muss. Er besteht darin Bedingungen zu schaffen, die das Zusammenleben der Menschen in einem Staat ermöglichen. Dessen Entwicklung zielt auf alle Seiten, indem einerseits Migranten den vorgefundenen Gesellschaftszustand kennen lernen und in ihm eine Existenzmöglichkeit in Koordination mit den gegebenen Umständen erarbeiten. Andererseits müssen sich die bisherigen Gesellschaftsgruppen auf die Migranten einstellen und ihren Raum zur Entfaltung eröffnen.
Der französische Philosoph Jean-François Lyotard weist darauf hin, dass die Gefahr droht, dass an diesem Dialog in den postmodernen Wissensgesellschaften des 21. Jahrhunderts nicht alle Gruppen angemessen werden. Das Ziel der Integration in der Postmoderne muss meiner Meinung nach sein, in der Akzeptanz eines heterogenen Gesellschaftsgefüges eine gemeinsame Grundlage dialogisch konstruieren, auf der alle Gruppen in gegenseitiger Toleranz sich eigene Gestaltungsräume erschließen können. Gesellschaftskonzeptionen hängen nicht an konkurrierenden Identitätsblöcken fest, sondern erschließen sich dialogisch im hybriden Raum zwischen diesen, worauf Homi Bhabha hinweist. Ein gesellschaftlicher Dialog, an dem alle Gruppen beteiligt sind, ist notwendig um eine akzeptable, offene und chancenreiche Zukunft zu gestalten.



Selbstporträt: Mieste, Preußen und Tataren. by mieste
23 Oktober 2007, 10:19 am
Filed under: Teilnehmer 07/08

Um zu illustrieren, was mich an diesem Berlin-Kasan-Projekt interessiert, hier eine kurze Vorstellung meiner Person.
Der Name Mieste, wie einige vielleicht schon geahnt haben, ist kein normaler Vorname, sondern seit 24 Jahren mein Spitzname, der Name des Dorfes in der Altmark, wo ich her stamme. Die Altmark, auch die Wiege Preußens genannt, liegt im Norden des heutigen Sachsen-Anhalt und war vor Christianisierung und Germanisierung Siedlungsraum unterschiedlicher Stämme, zum größten Teil der Wenden bzw. Sorben. Daher auch der Name Mieste, abgeleitet von myost (altslaw.: Brücke) oder miesto (sorb.: Ort). Unser Dorf liegt nämlich etwas erhöht am Rande des Drömling, einem Sumpfgebiet, durch das in frühen Zeiten von Mieste aus ein Knüppeldamm (myost?) führte.
Seit 2004 führe ich nun den Namen Mieste auch offiziell.
Schon als Kind interessierte es mich, welchen Ursprungs der Name eines Nachbardorfes ist: Taterberg. In meiner Phantasie, angeregt von Erzählungen meiner Großeltern, lebten dort einst schwarze Gesellen bei Musik und Tanz.
Ich erlernte den Beruf des Offset-Druckers, arbeitete einige Jahre als Drucker und Graphiker, Konzertveranstalter, Kellner und Messebauer. In den neunziger Jahren fing ich an, auf Urlaubsreisen in der Türkei türkische und kurdische Musik zu sammeln, lernte dann Türkisch an der Vokshochschule Braunschweig, um schließlich in Berlin (Freie Universität), Samsun, Wien, Damaskus und Simferopol (Krim) Turkologie, Soziologie, Islamwissenschaften und Kurdologie zu studieren. Erst nachdem ich nun begann, mich als Turkologe vor allem mit tatarischer Sprache, Kultur und Geschichte zu beschäftigen, fesselte mich besonders die deutsch-tatarische Geschichte sowie die Fremd- und Selbstsicht der jeweils Anderen.
Im Rahmen meiner Dissertation beschäftige ich mich vor allem mit dem Image der Tataren in deutschen Schulbüchern, in Belletristik und Volksliteratur. In diesem Kontext untersuchte ich auch die Geschichte unseres Nachbardorfes Taterberg, ein vorläufiges Ergebnis aus dem letzten Jahr findet Ihr unter „in den Medien“.

Seit dem April 2007 bin ich als Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung Promotionsstudent am Institut für Turkologie an der Freien Universität Berlin und arbeite an tatarisch-deutschen Projekten zusammen mit Dr. Marat Gibatdinov von der Akademie der Wissenschaften Tatarstans und Dipl. Phil. Temur N. Kurshutov vom Lehrstuhl für Krimtatarische und Türkische Philologie der Universität für Ingenieurswesen und Pädagogik der Autonomen Republik Krim.

Ich bin Mitglied des Journalistenverbandes der Republik Tatarstan, der Gesellschaft für Kultur und Geschichte Ukraine-Türkei (Kiew), der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient (DAVO, Mainz) und der Redaktion von AlTaBash, einer tatarisch-deutschen Zeitschrift.
Ich bin begeisterter Wahlberliner und lebe mit meiner Familie in Pankow.

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Tataren an der Wiege Preußens? by mieste
23 Oktober 2007, 9:52 am
Filed under: In den Medien

Mieste Hotopp-Riecke                                                             Aus: AlTaBash Nr. 2/17 & 3/18 2006 (www.altabash.tk)

Für die Altmark – das nördlichste Gebiet des deutschen Bundeslandes Sachsen-Anhalt – sind Tataren immer wieder als Ethnonym in Dokumenten und Legenden bezeugt. Doch wer waren diese Tataren, die in Toponymen der „Wiege Preußens“ und ihren Legenden ihre Spuren hinterlassen haben? Woher kommt die ungewöhnliche Häufung tatarischer Toponyme in der Altmark, wo eine tatarische Wohnbevölkerung – im Gegensatz zu (Ost-)Preußen – nicht überliefert ist?

Der Begriff Tatar übernimmt dabei später im Volksmund scheinbar die Funktion eines pejorativen Sammelbegriffes. Tatar – dies Ethnonym wurde bis in die jüngere Geschichte immer noch mit reitenden, brandschatzenden Horden assoziiert. Das Fremde als Bedrohung und zerstörende Kraft wurde wohl keinem anderen Ethnonym so sehr aufoktroyiert wie dem der Tataren. Auch noch im 20. Jahrhundert hielt sich dieses diffuse Bild vom kühnen, wilden, bedrohlichen Tataren.

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Was könnten die Ursachen dafür sein und gibt es auch andere Darstellungen des Fremden in Überlieferungen aus der Altmark?

Dieser Artikel ist die gekürzte Fassung eines Aufsatzes, der auf einem Vortrag fußt, den ich in Bishkek (Kirgistan) halten durfte und der dort auf türkisch erschien [1]. Er möchte aus kulturologischer und turkologischer Sicht auf dieses Phänomen und seine realen sowie imaginären Hintergründe eingehen.

 

Begriffsklärung

Der nördliche Bereich des Bundeslandes Sachsen-Anhalt zwischen Elbe und Niedersachsen, zwischen Wendland und Colbitz–Letzlinger Heide wird Altmark genannt. Bis in das 13 Jahrhundert als Nordmark bezeichnet ist die Altmark das älteste Stammland der späteren Kurmark Brandenburg und wird auch als die Wiege des Königreichs Preußen betrachtet. In das ehemals von den germanischen Stämmen der Langobarden (Sueben/Schwaben), Hermunduren (Thüringer) und Sachsen bewohnte Gebiet übersiedelten zwischen 800 und 1100 u.Z. – Teils auf Wunsch der herrschenden Stämme – slawische Stämme. Diese Slawen wurden von den Germanen Wenden[2] genannt. In der historischen Anthropologie sind sie als Polaben bekannt – nach slawisch „Labe“ gleich Elbe. Im 12. Jahrhundert kamen auf Betreiben von Albrecht dem Bär noch flämische Neusiedler hinzu, die nach einer Sturmflut heimatlos geworden waren. Sie sollten wie vorher Schwaben und Slawen bei der Urbarmachung der fruchtbaren Landschaft nützlich sein und das germanische Element stärken, da nach anfänglichem Nebeneinander von Slawen und Germanen die Christianisierung und Bekriegung der Slawen begonnen hatte.

Einiges zum Ethnonym tatar:

Laut Deutschem Duden ist Tatar ursprünglich das Ethnonym für eine „(türkische) Mischbevölkerung im Wolgagebiet Südrusslands, der Ukraine und Westsibiriens“.

In der Turkologie wird heute als Tatare bezeichnet, wer Angehöriger einer ethnischen Gruppe ist, die sich selbst als Tataren bezeichnen. Tatarisch im heutigen Sinne gehört zur Sprachfamilie der Turksprachen, innerhalb dieser zur Nordwest- bzw. Kıpçakgruppe. Im 8. Jahrhundert (732 u.Z.) werden die Tataren das erste Mal als aufständiger Stamm in den legendären Orchon-Inschriften erwähnt. Im 12./13. Jahrhundert sind sie als Teil der Mongolenheere des Dschingis Khan aktiv am Erobern des Weltreiches der Dschingisiden beteiligt[3].

Dem Tatar wurde in Mitteleuropa, wohl in Anlehnung an das griechische Wort für Hölle, tartarus, oft noch ein gefährlich klingendes, rollendes „R“ hinzugefügt. Dies assoziierte man mit gefürchteten tatarischen Reitern, und brachten die Tataren, aus dem Osten kommend, nicht wirklich Tod und Verdammnis mit sich?

 

Quellenlage

Als Quellen für diese Betrachtung standen mir volkskundliche Literatur aus Drömling und Altmark, frühe Versuche wissenschaftlicher Literatur (z.B. Parisius, Zahn, siehe Bild 3) und neueste Fachliteratur (Höppner, Gilsenbach, Schukalla) zur Verfügung. Weitere zeitgenössische Archivalien in der Altmark selbst bedürfen noch der Durcharbeit hinsichtlich der Thematik Tataren / Tatern. Dies betrifft Selbstzeugnisse von altmärkischen Adligen, Stadtchroniken und militärgeschichtliche Dokumente genau so wie den reichen Sagen- und Legendenschatz der Altmark sowie Periodika (Flugblätter, Tageszeitungen, Kalender).

 

Realität und Imagination

Im Bewusstsein der Altmärker Bevölkerung, bzw. in den Werken von Heimatforschern, Literaten, Journalisten und Historikern aus der Altmark der letzten drei Jahrhunderte sind Ansichten, Bilder und Äußerungen über Fremde zahlreich bezeugt. Ich wende mich hier vor allem dem zu, was in dem Kontext diffus als Tater/Tartar/Tatar bezeichnet wurde und wird.

 

Im ersten schriftlichen Bericht vom Einfall der Ungarn im Jahre 938 beschreibt der Mönch Widukind den Zug der Ungarn durch die Altmark. In späteren Quellen wird dies als „Einfall der Hunnen“ bzw. „Awaren“ wiedergegeben, obwohl diese nomadischen Steppenföderationen bereits einige Jahrhunderte früher Mitteleuropa erreichten[4]. Im Volksmund werden diese ebenso als Tataren bezeichnet wie Zigeuner, Rumänen und Fahrende.

Toponyme und Legenden der Altmark verweisen auf eine slawisch-deutsche Siedlungsgeschichte. Andere Altmärker Toponyme wie Tatarenberg, Taterberg, Taterbusch, Tatern, Taternburg, Taterndorp und Kettelböter[5] verweisen in ihren Legenden auf „Tartaren“, „Zigeuner“ und „Tatern“. Der Begriff Tatar übernimmt dabei später scheinbar die Funktion eines pejorativen Sammelbegriffes. Tatar – dies Ethnonym wurde bis in die jüngere Geschichte immer noch mit reitenden, brandschatzenden Horden assoziiert. Das Fremde als Bedrohung und zerstörende Kraft wurde keinem anderen Ethnonym so sehr aufoktroyiert wie dem der Tataren. Auch noch im 20. Jahrhundert hielt sich dieses diffuse Bild vom kühnen, wilden, bedrohlichen Tataren

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Auch in anderen Bundesländern sind „tatarische“ Toponyme belegt, so etwa das Dorf Tatern unweit der Altmark bei Uelzen, Niedersachsen im Wendland (also ehemals das „Land der Wenden“). Desweiteren gibt es: Taterborn, Taterphal und Taterbusch (Schleswig-Holstein), Tatern-Berg (Niedersachsen) sowie Taternkopfe (Sachsen-Anhalt). taterberg-in-der-altmark.jpg

 

Hier illustrieren einige Belegstellen die Herleitung der „tatarischen“ Toponyme:

 

·        Gustav Palis und Bernhard Peitschner berichten in ihrem Buch Der Drömling. Vom Moor zur Kulturlandschaft“ vom Dorf „Taterberg, Dorf im Drömling (Sumpfgebiet), Südwest-Altmark.“ und weiter: „…Der Name Taterberg ist auf hier öfter lagernde Ziegeuner, die man als „Tatern“ bezeichnete, zurückzuführen. (Tatern bedeutet eigentlich wanderndes Volk, Marketender, darunter auch Zigeuner.) Auf dem Taterberg legten früher die Reisenden meistens eine Rast ein, ehe sie den beschwerlichen Weg über den Knüppeldamm[6] in Angriff nahmen“.

·        Max Ebeling berichtet 1889 in seinem Werk „Blicke in vergessene Winkel. Geschichts-, Kulturstudien und Charakterbilder / ein Beitrag zur Volkskunde“ auf Seite 49: „Bei Woltersburg in der Nähe von Oldenstedt hat früher ein Todendoren oder Tatern gelegen.“

·        Franz Mertens schrieb in seinem Heimatbuch des Kreises Gardelegen und seiner näheren Umgebung 1955, 256 S.: „…Dabei: Taterberg, d.h. Zigeunerberg (Tartaren). Dienstpflichtig an die v. Alvensleben, Zichtau. 1832: 45 Feuerstellen, 406 Einw..; 1946: 1235 Einw.“

·        Bei Hanns H.F. Schmidt heißt es im Buch „Skizzen aus der Altmark“: „Taterberg wurde auf Geheiß Friedrichs II. gegründet, und er wies dem verantwortlichen Baumeister dort den Wohnsitz an. Ein alter Feldsteinbrunnen mit langem Hebebaum samt Kette und Eimer erinnert noch an jene Zeit. (Bild 7) Die Drömlinger Bauern sagten von sich bis zu jener Zeit mit Berechtigung, dass sie frei wären. … Die preußische Administration erreichte sie im weglosen Gebiet nicht…“

·        „…Da es den Bauoffizianten an jedem Unterkommen fehlte und sie doch nicht mit ihren Instrumenten, Karten und Plänen immer im Freien oder Nothhütten bleiben konnten, beantragte die Kommission am 16. April [1787] den Bau von zwei kleinen Häusern auf dem „Tartarberge“, es wurde genehmigt und bereits am 13. Juli ist ein Haus fertig gestellt.“ berichtet W. Zahn in seinem Werk Der Drömling von 1905. (Bild 7)

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Obwohl bereits im 19. Jahrhundert eine alternative etymologische Interpretation (Zitat 2) zu der von Taterberg als `Tartarenberg` angeboten wurde, hält sich bis heute in der Altmark die populäre „tatarische“ Deutung. Dies allerdings im Sinne der Interpretation von Palis / Peitschner. Tataren im turkologischen Sinne von „Angehörige eines Turkvolkes“ sind damit also nicht gemeint, sondern im weitesten Sinne Fremde, Zigeuner, Fahrende, Marketender.

Doch diese Deutung trifft wohl nur mittelbar zu. Die Bezeichnung Tartar/Tatar/Tater/Tatern war regional semantisch unterschiedlich belegt. Während im nördlichen Mitteleuropa damit vor allem fahrendes Volk gemeint war, meinte dieses Ethnonym im südöstlichen Europa auch durchaus Tataren, die etwa in der Dobrudscha, Bessarabien oder Siebenbürgen siedelten. In einer Überlieferung aus Siebenbürgen wird folgendes geschildert:  Im Jahr 1658 […] siedelten sich bei Schirkanyen einige tatarische Familien an und gründeten hier einen Weiler. Sie bauten auch eine Mühle, weil die 1520 von den Kronstädtern errichtete Mühle nach einem Hochwasser „auf dem `Trocknen` geblieben war. Die Stelle heißt auch heute noch `Bei der Tatarenmühle` (Bei der Taternmill, La Moara Tätarului). Die Tataren sprachen bald gut sächsisch und „gingen in der Gemeinde aus und ein“. Aber auch negative Erfahrungen mit echten Tataren gab es im Raum Siebenbürgen: „am Osterdienstag dieses Jahres (1241) zerstören die Tataren den Markt Nosa (Nösen/Bistritz)“.

 

Erste Berichte über Fahrende die als Tataren oder Tartar bezeichnet wurden, gibt es mit Beginn des Erscheinens der Roma in Europa. Im 14. Jahrhundert beginnt die europäische Periode der Geschichte der Roma, Sinti, Cale und anderer romanes-sprachiger Stämme und Gruppen. Um 1348 berichten die ältesten Quellen von dunkelhäutigen Fremden in Serbien, 1370 in der Moldau, 1385 in der Walachei und 1399 im Gebiet der heutigen Slowakei. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts häufen sich dann die Nachrichten in Mitteleuropa. In Hildesheim werden sie 1407 als Tateren (Tataren, Tattern) bezeichnet, in der Annahme, es handele sich um versprengte Truppen der gefürchteten Mongolen oder Tataren Timur Lenks, eine Bezeichnung, die sich in Norddeutschland und Skandinavien noch bis in das 20. Jahrhundert gehalten hat. Auch heute noch werden in Skandinavien die fahrenden Sinti und Roma als Tatere (Norwegen) bzw. Tattare (Schweden) bezeichnet.[7] Aber auch in Skandinavien waren nicht alle Tataren unbedingt Zigeuner oder fahrendes Volk. Der Ziganologe und Ethnologe Gilsenbach[8] berichtet von vor allem von Zigeunern, aber auch von echten tatarischen Familien in Skandinavien, vor allem aus Schweden. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Familien, die aus dem benachbarten Finnland zugezogen waren, also Mischär-Tataren. Er schreibt weiter: „…Das Bild, das sich Europäer im 15. und 16. Jahrhundert von asiatischen Völkern machten, war wundersam und nebulös, auch abenteuerlich. Wenn´s gar um „Ungläubige“ ging, oft äußerst tendenziös! Wer nie einen leibhaften „Tataren“ oder „Sarazenen“ gesehen hatte, konnte „Zigeuner“ sehr wohl für versprengte Angehörige dieser fernen Völker halten…“[9].

1444/45 belegen Dokumente die Anwesenheit von als Tataren bezeichneten Roma in Galizien (Polen/Ukraine). Zu Anfang des 16. Jahrhunderts bezeugen Geleit- und Schutzbriefe ihren Aufenthalt in Litauen, Bessarabien und der Ukraine.[10].

Auch in der Legende des Kättelböter, eines Flurnamens in der südlichen Altmark, kommt recht klar zum Ausdruck, dass es sich eher um Fahrende gehandelt haben muß, als um Tataren im heutigen Sinne. Dort, bei Peckfitz, einem ursprünglich wendischen Dorf[11] ließen sich regelmäßig Fremde nieder, die dem Dorf Dienstleistungen anboten: .„…Angehörige der Stadtarmut, Handwerksgesellen, die in der Stadt nie Meister werden konnten, auch fahrendes Volk, wie Tataren und Zigeuner…“. Kättel bedeutet hochdeutsch Kessel, Böter bedeutet soviel wie Heiler. Das Verb böten hatte aber nicht nur die Bedeutung von flicken, reparieren sondern auch von heilen im Sinne von Krankheiten heilen/besprechen. Diese mystische Bedeutung, die auch allem Fremden anhaftete, kommt in der Erklärung zum Toponym Kättelböter gut zum Ausdruck: „…Unter geheimnisvollen Sprüchen wurden die Löcher verlötet, denn die Bauern sollten ja auch merken, dass die Arbeit nicht so einfach war. Die neugierige Dorfjugend würde schon alles Gesehene und Gehörte zu Hause richtig und wichtig erzählen.“ Geheimnisvoll waren diese Sprüche wohl vor allem deshalb, weil sie niemand verstand. Rotwelsch oder Romanes klang in den Ohren der einfachen Bauern eben sehr exotisch und man stellte sich allerhand Schlimmes dabei vor: „Auf dem Dorfplatz aber durften die Kättelböter nicht lagern, waren sie doch únerhliches Volk`, dem man Diebstähle und alles mögliche unter anderem auch Hexerei am Vieh zutraute…“

In dieses Muster der außerhalb von Ortschaften geduldeten temporären Rastplätze für fahrende Zigeuner bzw. Roma passen auch die anderen oben erwähnten Toponyme. Alle liegen an ehemaligen Handelsstrassen oder in der Nähe von Dörfern, wo es sich lohnte zu lagern und Dienste als Kesselmacher, Blechschmiede, Scherenschleifer usw. anzubieten. Selbst das Dorf Taterberg wurde erst im Zuge der Melioration des Drömling gegründet[12] und war noch bis 1787 ein unbesiedelter Rastplatz der Fahrenden.

Fast alle diese in alten Chroniken bezeugten Tartaren waren also höchst wahrscheinlich Fahrendes Volk, Zigeuner, Bettler und arme Handwerker, denn ob die tatarischen Krieger Batu Khans, die 1242 Krakow und Liegnitz erreichten, wirklich bis in märkische Gefilde und weiter bis Schleswig–Holstein vorstießen, ist nicht mehr sicher zu eruieren.

 

Erste Tataren und Baschkiren in der Altmark

Die ersten echten Kontakte mit Angehörigen von Ethnien, die wir nach heutigem Kenntnisstand den Turkvölkern zuordnen würden, wie etwa Tataren, Kasachen und Baschkiren, gab es wohl erst im 17. bis 18. Jahrhundert. Diese Kontakte waren allerdings wieder meißt durch Kriege bedingt. In Kloster-Neundorf[13] im Süden der Altmark etwa und in Salzwedel sind Kontakte zu Kosaken, Baschkiren und Tataren während der Napoleonischen Kriege bezeugt.

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Diese Schilderungen sind wie die über Tataren in früheren Zeiten ebenfalls recht eindimensional, wenn auch in diesem Fall in positivem ja fast verklärendem Duktus. Ein zeitgenössisches Beispiel: „…Es bestand dieses russische Kavalerie-Detachement aus einem Offizier und etwa zwölf bis zwanzig Mann: Tataren, Baschkiren, nur mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und einzelnen irregulären Kosaken. Man hatte so großes Vertrauen zu diesen fremden Menschen, dass Ammen und Mütter ihre säugenden Kinder diesen Gästen aufs Pferd reichten, um sie küssen zu lassen…“[14].Diese enthusiastische Schilderung ist wohl auf den Umstand zurückzuführen, dass die Franzosen über Jahre hinweg als Besatzer Leid über die Bevölkerung brachten und nun die kaiserlich-russische Armee als Befreier gefeiert wurden. Am negativen Image der Tataren änderten diese Erfahrungen langfristig jedoch nichts.

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Weitere Kontakte von Tataren mit mitteleuropäischer Bevölkerung dürfte es durch die Armeen gegeben haben, die „Bosniaken“ in ihren Reihen hatten. Die preußischen Bosniakenregimenter, wie auch die sächsischen und dänischen beschäftigten unter anderem Krimtataren in ihren Lanzenreiter-Regimentern. Bosniak war hier nur der militärische Ausdruck für diese Gruppe von Lanzenreitern. Mit Bosnien hat die Bezeichnung nur insofern zu tun, dass ursprünglich osmanisch-bosnische Lanzenreiter die Namensgeber für diese Art der kämpfenden Truppe waren. Ob ihrer ausgezeichneten Eigenschaften als Reiter qualifizierten sich bei der Aufstellung dieser Regimenter im 17. und 18. Jahrhundert vor allem auch Krimtataren für diesen „Job“.

Das Ethnonym Türke /türkisch erfuhr entgegen dem Ethnonym Tatar im 19. Anfang des 20. Jahrhunderts eine enorme Aufwertung durch türkische Einflüsse in Mode, Musik und Gastronomie. Alla Turca ging ein in die europäische Kultur.

Ähnliches geschah mit dem Ethnonym Tatar nicht. Im Gegenteil, seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird Tatar in Mitteleuropa, vor allem im deutschsprachigen Gebiet für rohes Schabefleisch verwendet[15], was anfangs sicher keine positive Bezugnahme bedeutete. Die Bedeutung Gehacktes/rohes Fleisch soll Tatar bekommen haben, nachdem der Mongole Batu Khan 1240/41 bis Mitteleuropa vorgedrungen war und mit seinen Tataren alles kurz und klein schlug bzw. hackte. Dem steht entgegen, dass Tatar als Bezeichnung für solch ein rohes Fleischgericht erst seit dem 19. Jahrhundert bezeugt ist.

Für frühere Kontakte von Altmärkern mit tatsächlichen Vertretern von Turkvölkern fand ich bisher nur eine Belegstelle. In der Legende „Die Türkin in der Wische“[16] wird von der türkischen Zweitfrau eines Ritters erzählt, die nach seiner Flucht aus osmanischer Gefangenschaft mit ihm in die Altmark kam: „…als er mit seiner zweiten Gemahlin zur Tür hereinkam. Seine beiden Gattinnen vertrugen sich recht gut, und der Ritter von Jagow lebte nun in der Wische fast wie ein türkischer Pascha. Die Überlieferung weiß von einem Bild der Türkin und einem Grabstein in Groß Garz mit beiden Ehefrauen…“[17]

 

Fazit

Daß man von der Existenz der Toponyme mit dem Bestandteil Tater/Tatar/Tartar in der Altmark und von altmärker Legenden auf die frühe Anwesenheit von Tataren im Sinne von „Angehörige eines Turkvolkes“ in diesem Gebiet schließen kann, muß wohl verneint werden. Die allgemeine Türkenfurcht seit der Ausdehnung des Osmanischen Reiches im Mittelalter und die Erfahrung – wenn auch nur vom Hörensagen – der Tataren- bzw. Mongoleneinfälle, ließ ein Bild von Tataren entstehen, welches viel mit den Ängsten der Menschen dieser Zeit zu tun hat, wenig jedoch mit der Lebenswirklichkeit der Tataren heute. Das das Ethnonym Tatar für fast alle Fremden, die Mitteleuropa erreichten, angewandt wurde, vor allem für die „Zigeuner“ ist also ein Ausdruck von Unwissenheit gepaart mit Angst in einer sozialen Umwelt, die gekennzeichnet war von Kriegen, Armut und Unsicherheit. Symptomatisch dafür ist, daß an die 100 Namen für Sinti und Roma überliefert sind, jedoch jene Namen nicht beurkundet sind, mit denen sie sich selbst bezeichneten.

Seien es wissenschaftliche oder `volksetymologische` Erklärungen für das Phänomen der Tataren oder Tatern in Europa, eines fällt dem Leser der diversen Erklärungsversuche doch ins Auge: In allen Fällen waren nicht Tataren sondern Deutsche bzw. Europäer, diejenigen, die etwas über diese Menschen hinterließen. Die Semantik des Wortes Tatar / Tater im Deutschen beinhaltet also eine zutiefst deutsche Sichtweise auf die Völker des Ostens und verrät mehr über die Tatarensicht der Deutschen als über die wirklichen Tataren damals. Daß sich das Bild der Tataren nicht nur in Sachsen-Anhalt sondern in ganz Deutschland heute langsam wandelt, hat vor allem mit der Anwesenheit tatarischer Wohnbevölkerung zu tun. Sie sind zumindest in Ballungszentren wie Berlin, Köln, Frankfurt oder Augsburg relativ gut organisiert und bemüht durch kulturelle Aktivitäten und Publikationen das Bild des Furcht einflößenden fremden Tataren zu korrigieren. Dieser Text soll ebenfalls ein kleiner Beitrag dazu sein.

 

 

  1. Beyšenaliyev, T. O.: Об этимологии этнонима татар в китайских исторических сочинениях in: Center for Turcic Civilization Studies (Hrsg.): Second International Congress on Turcic Civilization. Role and Place of the Turcic Civilization among the world civilizations Bishkek: Kyrgyz-Turkish Manas University, 2005, S. 319/320.
  2. Berthold, Lothar (Red.): Atlas zur Geschichte I Gotha/Leipzig: Haack, 1976, 256 S.
  3. Chalikow, A.H.: Zur Herkunft, der Entwicklungsgeschichte und der Verbreitung der Bezeichnung „Tataren“ im mittleren Wolgaraum und im Uralgebiet. in: Bakai, Mónika (Hrsg.): Tatarische Etymologische Studien II. Szeged: Universitas Szegedeiensis de Attila József nominata, studia uralo-altaica 30, 1988, S. 3-59.
  4. Daneil, Johann Friedrich: Die ersten Kosaken in Salzwedel in: Schmidt, Hans H.F. (Hrsg.): Die Altmark. Ein Lesebuch Rostock: Hinstorff, 1988, S. 119/120.
  5. Dziengel, Johann David von: Geschichte des königlichen Zweiten Ulanen-Regiments. Die Geschichte der Towarczys von 1675, die Geschichte der Bosniaken von 1745; des Tartaren-Pulk von 1795; der Towarczys von 1800, als der zum Theil den Stamm bildenden Truppen Potsdam: Riegel, 1858, 520 S.
  6. Ebeling, Max: Blicke in vergessene Winkel. Geschichts-, Kulturstudien und Charakterbilder / ein Beitrag zur Volkskunde. Band I Leipzig: Georg Böhme Nachf. (E. Ungleich), 1889, S.
  7. Genthe. Franz: Das sächsisch-polnische Bosniakenregiment, die Stammtruppe der preußischen Ulanen und die holländischen Lanzenreiter. In: Wissenschaftliche Mitteilungen aus Bosnien und der Herzegowina, Wien: Gerold, Nr. 10, 1907.
  8. Gilsenbach, Reimar: Weltchronik der Zigeuner. 2500 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Luri, Zott und Boža, der Athinganer, Tattern, Heiden und Sarazenen, der Bohémiens, Gypsies und Gitanos und aller Minderheiten, die „Zigeuner“ genannt werden. Teil 1: Von den Anfängen bis 1599. Berlin u.a.: Peter Lang, Studien zur Tsiganologie und Folkloristik, Band 10, 1994.
  9. Haller, Dieter: Ethnische Gruppen, Ethnonyme, Nationalitäten und Sprachgemeinschaften in Europa
  10. Haywood, John: Welt-Geschichtsatlas Köln: Könemann, 1999, 240 S.
  11. Heinzelmann, Rudolph Friedrich Wilhelm: Franzosen und Kosaken in: Schmidt, Hans H.F. (Hrsg.): Die Altmark. Ein Lesebuch Rostock: Hinstorff, 1988, S. 116-118.
  12. Höpp, Gerhard: Muslime in der Mark. Als Kriegsgefangene und Internierte in Wünsdorf und Zossen, 1914-1924 Berlin: Das Arabische Buch, 1997.
  13. Kalmbach, Ulrich: Das Bild der Alten Marck. Die Altmark in historischen Landkarten. Salzwedel: Salzwedeler Museen, 1994, 48 S.
  14. Palis, Gustav / Peitschner, Bernhard: Der Drömling. Vom Moor zur Kulturlandschaft Horb am Neckar: Geiger, 1998, 228 S.
  15. Schmidt, Hanns H.F: Die Türkin in der Wische in: ders. (Hrsg.): Das große Sagenbuch der Altmark: Aus alten Überlieferungen und neu erzählt, Teil I. Von A wie Abbendorf bis K wie Kläden Oschersleben: Dr. Ziethen, 1994, S.21.
  16. Schmidt, Hanns H.F: Skizzen aus der Altmark Rudolstadt: Greifenverlag, 1978, 304 S.
  17. Kajo Schukalla: Roma im Osten und Südosten Europa – Ein Blick in Geschichte und Gegenwart in: ‚OST-WEST. Europäische Perspektiven‘, 4. Jahrgang 2003, Heft 2, Schwerpunkt: Roma in Mittel- und Osteuropa, S.
  18. Schuster, Oscar / Francke, F.A.: Geschichte der Sächsischen Armee von deren Errichtung bis auf die neueste Zeit Leipzig: Duncker & Humblot, 1885 VI, 393 S.
  19. Stephani, Claus (Hrsg.): Die steinernen Blumen. Burzenländer sächsische Sagen und Ortsgeschichten online unter URL: http://members.aon.at/fresh/sagen/ (12.10.2005).
  20. Widukind: Bericht über den Einfall der Ungarn in Sachsen im Jahre 938 In : Monumenta Germaniae Historica III. S. 402 (von Mülverstedt, Regesta Archiep. Magdeb. I. S. 27.)
  21. Worgitzki, Max: Tatarensturm Berlin: Junge Generation, 1935, 116 S.


[1] Symposium „Turcic Civilizations and Globalization“, am 10/11. November am Center for Turcic Civilizations Studies der Manas-University Bishkek, Kirgistan halten durfte. Auf deutsch erscheint eine Langfassung noch in diesem Jahr in Materialia Turcica.

[2] Auch ein Teil der slawischen Minderheit im äußersten Osten der heutigen Bundesrepublik Deutschland, im Spreewald und der Lausitz nennt sich Wenden. Der andere Teil bezeichnet sich als Sorben.

[3] Peter B. Golden in Encyclopaedia of Islam², Vol. X, S. 370a.

[4] Die Stammesföderation, die als Hun bezeichnet wurde, erreichte Europa in den Jahren 370 bis 367 u.Z.; Awaren erreichten Mitteleuropa (Frankenreich) um 560 u.Z.

[5] Niederdeutsch für „Kesselheiler“. Das waren Blechschmiede, Kupferschmiede, Kesselmacher, typische Berufe der `Fahrenden`.

[6] Der Knüppeldamm war ein durch aneinander gelegte Baumstamme und Äste (Knüppel) gebildeter Übergang vom nordöstlichen zum südwestlichen „Ufer“ des Drömlings.

[7] S.: Scandinavian Peripatetics, in: Bennett, Linda A. (Hrsg.): Encyclopedia of World Cultures, Volume IV, Boston/Mass.: G.K. Hall & Co, 1992, 228 S.;

[8] Gilsenbach, Reimar: Weltchronik der Zigeuner. 2500 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Luri, Zott und Boža, der Athinganer, Tattern, Heiden und Sarazenen, der Bohémiens, Gypsies und Gitanos und aller Minderheiten, die „Zigeuner“ genannt werden. Teil 1: Von den Anfängen bis 1599. Berlin u.a.: Peter Lang, Studien zur Tsiganologie und Folkloristik, Band 10, 1994.

[9] S. 265: Artikel „Ismailiten, Sarazenen, Tatern, Heiden“

[10] Schukalla, Kajo: Roma im Osten und Südosten Europa – Ein Blick in Geschichte und Gegenwart in: ‚OST-WEST. Europäische Perspektiven‘, 4. Jahrgang 2003, Heft 2, Schwerpunkt: Roma in Mittel- und Osteuropa

[11] Pekos (slawischer Sippenname) + fitz / vitz (slawisch: Heim / Haus)

[12] Parisius, 1883, S. 75.

[13] Heinzelmann, Rudolph Friedrich Wilhelm: Franzosen und Kosaken in: Schmidt, Hans H.F. (Hrsg.): Die Altmark. Ein Lesebuch Rostock: Hinstorff, 1988, S.117.

[14] Daneil, Johann Friedrich: Die ersten Kosaken in Salzwedel in: Schmidt, Hans H.F. (Hrsg.): Die Altmark. Ein Lesebuch Rostock: Hinstorff, 1988, S. 119.

[15] In der deutschen Küche ist der oder das Tatar mageres geschabtes/gehacktes Rindfleisch, welches mit rohem Eigelb, Zwiebel, Pfeffer und Salz serviert wird

[16] Die Wische ist ein Niederungsgebiet (Bruch) an der östlichen Grenze der Altmark.

[17] Schmidt, 1994 I, S. 21.

Татары у колыбели Пруссии?
В маркграфстве Альтмарк – самой се-
верной провинции федеральной земли Сак-
сония-Анхальт, имя «татар» постоянно
встречается и находит свое подтверждение
как этноним в многочисленных документах
и легендах. Так кто же они были на самом
деле, эти татары, оставившие свой след в
топонимических названиях «колыбели
Пруссии»» и в легендах? Откуда берет свое
начало необычайно частое повторение на-
званий с татарским корнем на карте этой
местности, где, в отличие от Восточной
Пруссии, татарского населения не сохрани-
лось?
Понятие «татар», очевидно, позже при-
нимает в народной речи функцию уничижи-
тельного собирательного слова. Татар! – до
недавнего времени этот этноним всегда
ассоциировался с мчащимися ордами, нес-
шими с собой огонь и разрушения и соби-
равшими дань с порабощенных народов.
Пожалуй, никакой другой образ чужа-
ка как грозной и разрушительной силы не
навязывался так настойчиво как образ тата-
рина. И даже еще в ХХ веке сохранился
этот расплывчатый портрет – отважного,
дикого, грозного татарина (рис. 1, 2). Како-
вы же были причины для такого представ-
ления и есть ли другие образы чужака в
преданиях Альмарка?
Эта статья представляет из себя крат-
кий обзор доклада, с которым я выступил в
Бишкеке (Кыргызстан), и который был
опубликован на турецком языке. „
Татарский феномен» рассматривается в
этом докладе с культурологической и тюр-
кологической точек зрения и останавливает-
ся как на реальных, так и на вымышленных
причинах.
ОПРЕДЕЛЕНИЕ ПОНЯТИЯ
Северная область федеральной земли
Саксония-Анхальт, что лежит между Эль-
бой и Нижней Саксонией, между Вендлан-
дом (землей вендов) и Кольбицем-
Летцлингеровой пустошью (Letzlinger Heide),
называется Альтмарком (примерный
перевод: «старое маркграфство»). Вплоть до
ХIII века Альтмарк назывался Нордмарком
(Северным маркграфством), и на сегодня
это самый древний регион, из которого впо-
следствии образовался Курмарк Бранден-
бург; его также называют колыбелью Прус-
ского королевства. В эту область, которая
была обжита германскими племенами лан-
гобардов (суэбов/швабов), гермундуров
(тюрингцев) и саксонцев, в период с 800 по
1100 гг. н. э. переселились славянские пле-
мена (отчасти по желанию господствовав-
ших там племен). Этих славян германцы
называли венды. В исторической антропо-
логии они известны под именем полабов –
от славянского названия Эльбы «Лаба». В
ХII в. по настоянию Альбрехта Медведя
сюда переселились также фламандские пле-
мена, поселения которых размыло после
разрушительного наводнения. Так же, как
ранее швабы и славяне, они пригодились
при распашке нови плодородной земли,
равно как для укрепления германского эле-

мента, так как после первоначального пе-
риода мирного сосуществования германцев
и славян началась христианизация и завое-
вание последних.
КОЕ-ЧТО ОБ ЭТНОНИМЕ «ТАТАР»
Немецкий энциклопедический словарь
«Дуден» дает следующее определение этно-
ниму «татар»: «ранее – представители раз-
личных тюркских народов Поволжья на юге
России, на Украине и в Западной Сибири».
В сегодняшней тюркологии под тата-
рами понимают людей, которые называют
себя татарами и относятся к одной этниче-
ской группе. Сегодняшний татарский язык
относится к тюркской семье языков, а внут-
ри этой семьи – к т.н. северо-западной, или
кыпчакской группе. В VIII в. н.э. (в 732 г.)
татары впервые упоминаются в легендар-
ных Орхонских письменах как мятежное
племя. В XII-XIII вв., будучи частью огром-
ного монгольского войска Чингиз-Хана, они
активно принимают участие в завоевании
западных областей империи Чингизидов. К
слову «татар» в Центральной Европе – ви-
димо, проводя фонетические параллели с
греческим словом «тартар», что означает
«ад», – нередко добавляли еще один грозно
звучащий, громыхающий звук «р». Это ас-
социировалось с татарскими всадниками,
нагонявшими страх; а разве татары, при-
шедшие с востока, не несли с собой и в са-
мом деле смерть и проклятья?
НЕМНОГО ОБ ИСТОЧНИКАХ
Источником для этого исследования
мне послужила фольклорная литература из
Дрёмлинга и Альтмарка, ранние попытки
представителей научной литературы
(Парисиус, Цан, см. рис. 3) и новейшая спе-
циальная литература (Хёппнер, Гильзенбах,
Шукалла). В современных архивах Альт-
марка есть еще немало источников по теме
«Татары/татерны/татры», которые нужда-
ются в дальнейшем исследовании и ждут
своего часа. Это касается как свидетельств
альтмаркского дворянства, городских хро-
ник и военно-исторических документов, так
и многочисленных сказаний и легенд Альт-
марка, а также периодических изданий

(информационные листки, газеты, календа-
ри).
РЕАЛЬНОСТЬ И ВЫМЫСЕЛ
Каков же он, этот «чужак»? Как он
выглядит? Что думает о нем местное насе-
ление? Его образ в сознании местных жите-
лей, а также многочисленные работы крае-
ведов, литераторов, журналистов и истори-
ков Альтмарка за последние три века отчас-
ти дают ответ на эти вопросы. Здесь я исхо-
жу прежде всего из того, что в этой связи
расплывчато обозначается как «татер/
тартар/татар».
В первом письменном упоминании о
нападении венгров в 938 году монах Виду-
кинд описывает поход венгров через Альт-
марк. В более поздних источниках об этом
сообщается как о «нападении гуннов» или
«аваров», хотя эти степные союзы кочевых
племен добрались до Центральной Европы
еще несколькими столетиями раньше. В
народе их также называли татарами, равно
как и цыган, румын и бродяг.
Топонимы и легенды Альтмарка ука-
зывают на славянско-немецкие корни исто-
рии поселений. А вот другие топонимы,
такие как Татаренберг (Татарская гора),
Татерберг, Татербуш, Татерн, Татаренбург,
Татерндорп и Кеттельбётер (на нижненем.
диалекте слово «кессельхайлер», т.е. лу-
дильщик, жестянщик, медник – это были
типичные профессии «бродяг») указывают в
своих легендах на «тартар», «цыган» и
«татров». Это понятие становится позже
собирательным (см. рис. 4, 5; здесь также
видно, что написание «Татар» и «тартар»
постоянно перемежается). В других феде-
ральных землях также постоянно встреча-
ются татарские топонимы, например, дерев-
ня «Татерн» недалеко от Альтмарка, возле
местечка Ульцен, что в Нижней Саксонии в
Вендланде. Далее видим: Татерборн, Татер-
фаль и Татербуш (в Шлезвиг-Голштинии),
Татернберг (в Нижней Саксонии, а также
Татернкопфе (Саксония-Анхальт). (рис. 6)

Вот некоторые из цитат, иллюстрирую-
щие происхождение татарских топонимов:
– Густов Палис и Бернхард Пайчнер сооб-
щают в своей книге «Дрёмлинг. От бо-
лот к культивированному ландшафту» о
деревне «Татерберг, деревня в Дрём-
линге (болотистая местность), юго-
запад Альтмарка», и далее: «Название
Татерберг привело нас к цыганам, часто
встающих здесь табором, и которых
называли «татерн/татры» (вообще,
«татры» – это обозначение для бродяче-
го народа, маркитантов, в т. ч. и цыган).
в Татернберге путешественники раньше
часто останавливались на отдых, преж-
де чем отправиться в нелегкий путь
через Кнюрпельдамм (лежневой бревен-
чатой дороге, служившей переходом с
северо-восточного «берега» Дрёмлинга
на юго-восточный)».
– Франц Мертенс писал в своей «Местной
книге округа Гарделеген и ближайших
окрестностей», 1955, на стр. 256:
«Здесь: Татернберг, т.е. «гора цыган»
(тартары). Военнообязанные в подчине-
нии фон Альвенслебена, Цихтау. В 1832
г. 45 очагов (т.е. домов), 406 жителей; в
1946 г. – 1235 жителей».

– В книге «Эскизы Альтмарка» Ганса Ф.
Шмидта читаем: «Татерберг был осно-
ван по приказу Фридриха II, и он же
указал зодчему, отвечавшему за строи-
тельство, чтобы тот там поселился и
жил. О тех временах напоминает коло-
дец, сложенный из булыжника, с высо-
ким колодезным журавлем, с цепью и
ведрами (рис. 7). Дрёмлингские кресть-
яне по праву говорили о себе вплоть до
того времени [как началось строитель-
ство], что они были свободными. …Они
были недосягаемы для прусской адми-
нистрации в непроходимой, болотистой
местности…»
«…Поскольку у назначенных строите-
лей не было сколько-нибудь приличного
жилья, и они вынуждены были со всеми
своими инструментами, картами и планами
ночевать либо под открытым небом, либо
ютиться в лачугах, то 16 апреля [1787] ко-
миссия поручила построить два небольших
дома в «Тартарберге»; разрешение было по-
лучено, и уже 13 июня был построен
[первый] дом», – сообщал В. Цан в своей
работе «Дрёмлинг» в 1905 г. (рис. 7)
И хотя уже в XIX в. была предложена
альтернативная этимологическая интерпре-
тация Татерберга как «Тартарберга», в Альт-
марке до сегодняшнего дня остается попу-
лярным «татарское» толкование. Оно, конеч-
но, полностью в духе объяснений Палиса/
Пайчнера. Татары здесь не подразумеваются
в т ю р к о л о г ич е с к о м  с м ы с л е  к а к

«представители тюркского народа», а в более
широком смысле как чужаки, цыгане, бродя-
ги, маркитанты. Но это только косвенно со-
ответствует действительности. Обозначение
тартар/татар/татер/татерн (татры) в разных
регионах различалось по семантическому
значению. В то время как в северных облас-
тях Центральной Европы под этим именем
понимали бродячий народ, то в Южной Ев-
ропе этот этноним подразумевал прежде
всего татар, обитавших в Добрудже, Бессара-
бии или в Семигорье. В одном из преданий
Семигорья описывается следующее: в 1658 г.
[ ] у Ширканьи поселились несколько татар-
ских семей и основали здесь хутор. Они по-
строили также водяную мельницу, потому
что возведенная еще в 1520 году жителями
городка Кронштадт мельница после наводне-
ния перестала работать, так как река измени-
ла свое русло. Это место до сих пор называ-
ется «У татарской мельницы» (Bei der Taternmill,
La Moara Tätarului). Татары быстро ос-
воились, вскоре они уже хорошо говорили на
саксонском наречии и были своими людьми
в общине. К сожалению, у семигорцев был и
печальный опыт общения с настоящими та-
тарами: «В пасхальное воскресенье сего года
(1241) татары разрушили ярмарку Ноза
(Нёзен/Быстриц)».
Мисте Хотопп-Рике,
Институт тюркологии, Берлин



Lutheraner in Tatarstan by mieste
22 Oktober 2007, 7:31 pm
Filed under: In den Medien, Reportagen

Von Mieste Hotopp-Riecke und Anja Hotopp

Katharina die Große rief, sie kamen: Lutheraner im Osten Europas.

Ein kleiner aber äußerst aktiver Teil von Angehörigen der Lutherischen Kirche lebt seit Jahrhunderten im Wolga-Uralgebiet. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien (ELKRAS) ist eine Gemeinschaft lutherischer regionaler Kirchen und Gemeinden auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Die ersten lutherischen Gemeinden auf russischem Boden gab es bereits im 16. Jahrhundert. Im Jahre 1576 gestattete Iwan IV. den Bau einer Kirche (St. Michaelis) in Moskau. In der Folgezeit breitete sich die Kirche im russischen Reich aus, und ihre verfassungsmäßigen Rechte wurden durch die Verabschiedung der Satzung von 1832 gesichert. Die Evangelisch-Lutherische Kirche Europäisches Russland zählt 170 Gemeinden und gemeindliche Gruppen. Sie werden von 48 Pastorinnen und Pastoren sowie 50 Predigerinnen und Predigern betreut. Die Gemeinden gehören zu insgesamt zwölf Propsteien, an deren Spitze ein Propst bzw. eine Pröpstin steht. Die Probstei Tatarstan unter Propst Christian Hermann pflegt das geistig-kulturelle Erbe der Wolgadeutschen und unterhält gute Beziehungen nach Deutschland.

Im Geiste Luthers bei den Tataren
Victor Dietz ist stolz auf seine Kirche, auf seine Gemeinde und auf das Erreichte in seiner Stadt. Seit den 1750er Jahren gehören die Deutschen zum städtischen Leben in Kasan, der Tataren-Hauptstadt am Zusammenfluss von Kasanka und Wolga. »Es lebt sich gut hier, denn ein friedliches Miteinander hat Tradition«, erzählt Dietz. Kasan beherbergt schon seit vielen Jahrhunderten verschiedenste Ethnien und Konfessionen. Die Mehrheitsbevölkerung sind muslimische Tataren, aber auch Juden, Russen, Tschuwaschen, Baschkiren, Udmurten und eben Deutsche sind schon lange in der Stadt verwurzelt. So verwundert es nicht, dass der studierte Physiker mit einer Tatarin verheiratet ist.
Die Gemeinde der Russlanddeutschen in Kasan umfasst 500, in ganz Tatarstan 3000 Menschen. Die vergangenen Jahre hat Dietz seine Energie darauf verwandt, wieder ein aktives Gemeindeleben zu schaffen. Das gilt insbesondere für die evangelisch-lutherische Kirche. Aber auch das an die Kirche angrenzende Deutsche Haus ist für alle offen. Kirche und Gemeindedomizil dienen gleichzeitig als Treffpunkt, Veranstaltungs- und Proberaum. Eine Besonderheit sei, so Dietz, die stetig wachsende Gemeinde in Kasan. Einerseits finden immer mehr Wolga-Deutsche zurück zum Glauben, andererseits existiert eine ganz besondere Ökumene. Durch die Aktivitäten der Lutherischen Gemeinde und der »Nationalen Kultur-Autonomie der Deutschen Tatarstans« werden Katharinenkirche und Deutsches Haus immer attraktiver auch für mennonitische, katholische und orthodoxe Christen der Stadt, nicht nur mit deutschen Vorfahren. Der Propsteirat Tatarstans ist zuständig für den gesamten Bereich »Europäisches Russland« und sieht sich in der Tradition der evangelisch-lutherischen Siedler der Zarenzeit als auch der Deutschen Wolgarepublik.
Aufbauarbeit in Tatarstan
Diese Tradition fortzusetzen, hat sich auch Dr. Christian Herrmann auf die Fahnen geschrieben. Bereits seit acht Jahren arbeitet er ehrenamtlich als Pfarrer in der Gemeinde und hilft, das deutsche Erbe Kasans zu verwalten und an alte Blütezeiten wieder anzuknüpfen. Schon vier Gemeinden sind im Kirchenkreis Tatarstan unter seiner Regie entstanden. Ziel des 73-jährigen pensionierten Propstes ist es, »Perspektiven für Russland mit zu entwickeln«. Und in seiner achtjährigen Arbeit hat er einiges erreicht. So gründete er eine ¬Diakoniestation und eine Apotheke in Kasan. Auch dies hat lange Tradition: Die erste Apotheke in Kasan wurde von Deutschen 1855 gegründet.
Für die Kleinsten der Gemeinde wurde der Fröbelkindergarten eröffnet. Der 235 Jahre alten lutherischen Katharinenkirche verhalf Viktor Dietz zu einem neuen Dach. Doch damit sind die Arbeiten an dem alten Gemäuer noch lange nicht beendet. Vor dem Zerfall des Sozialismus diente die Kirche dem sowjetischen Geheimdienst KGB als Turnhalle. Ständige ¬Arbeitseinsätze sollen das Haus wieder in altem Glanz erstrahlen lassen – irgendwann, denn das Geld ist knapp.
Neben diesen baulichen Arbeiten gibt es noch etliche andere Dinge zu tun, die sowohl Herrmann als auch Victor Dietz auf Trab halten. Bedürftige der Stadt können sich einmal
pro Woche in der Sach- und Kleidersammlung gegen eine Spende bedienen, die Herrmann von Deutschland aus organisiert. Die Sommermonate werden genutzt, um die deutschen Gräber auf dem städtischen Friedhof zu pflegen. Dietz und Herrmann wollen auf diese Weise an die lange Tradition der Russlanddeutschen und deren Hinterlassenschaften in Kasan anknüpfen. Die 1804 gegründete Universität, zweitälteste Russlands, wurde mit maßgeblichem Engagement von Deutschen aufgebaut. Der gute Ruf der Stadt zog viele renommierte Wissenschaftler an und brachte große Geister hervor. Karl Ernst Claus entdeckte hier das Ruthenium, Lew ¬Tolstoi studierte in Kasan und Iwan Baudouin de Courtenay begründete hier die moderne Sprachwissenschaft. Auch Wladimir Iljitsch Uljanow studierte an der Kasaner Alma Mater. Damals wurde er allerdings noch nicht Lenin genannt. Und der 1805 aus dem Fürstentum Nassau-Dillenburg nach Kasan gekommene Arzt, Historiker und Ethnograph, Karl Fuchs, zählt noch heute zu den bedeutendsten Gelehrten der Stadt.
Die Deutschen von Kasan waren die Aktivsten in Zeiten von Glasnost und Perestroika, ermunterten auch Russen und Tataren zum Kampf für Menschenrechte und Demokratie. Eine Anekdote aus dieser Zeit gibt Dietz gern zum Besten: Für eine Petition auf Wiedereinrichtung der deutschen Kulturautonomie unterschrieben binnen zwei Wochen tausende Menschen: neben einer Handvoll Russen und den Deutschen Kasans vor allem Tataren!
viktor-dietz-am-grab-von-karl-fuchs-geb-in-breitstadt-bei-herborn-nassau.jpgkatharinenkirche-karl-marx-strasse-kasan.jpgder-steinmetz-arbeitet-fur-alle.jpg
Doch die Gemeinde lebt nicht nur in der Vergangenheit. Geschichte und Tradition bieten jedoch Anlass und Gelegenheit, Identität und Zusammenhalt zu stärken. Dies ist bei den Älteren wichtig, so Dietz, um die Abwanderung zu stoppen, bei den Jüngeren, um die Freizeit sinnvoll zu verbringen, Halt zu bieten. Zu den muslimischen und jüdischen Gemeinden der Region bestehen gute Beziehungen. Dies ist eben das Besondere an der Tradition Tatarstans, so Dietz: Während in Nachbarregionen vor ¬allem gegen Juden und Muslime ¬xenophobe Attacken von russischen Nationalisten zunähmen, lebten hier Christen, Muslime und Juden friedfertig und solidarisch.
Unterstützt wird die Arbeit in Kasan unter anderen vom »Martin-Luther-Bund e.V.«, dem Diasporawerk der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Fahrstraße 15, 91054 Erlangen, Telefon (09131) 7870-0.
Kontonummer 12304, Sparkasse Erlangen, BLZ 76350000, Kennwort: Deutschen Haus Kasan. http://www.mlb-zentrale.de

siehe auch evangelische Lamdeszeitung „Glaube und Heimat“ unter: http://www.guh-cms.de/guw/welt/40-2007.html



Mieste / Миесте by mieste
14 Oktober 2007, 1:01 pm
Filed under: Teilnehmer 07/08

Ich heiße Mieste, studier(t)e Turkologie und beschäftige mich seit ~ 10 Jahren mit (krim)tatarischer Geschichte und Kultur. Bei Trialog bin ich erst seit ein paar Wochen und wurde gebeten die Geschichts-Projektgruppe für die nächsten Etappen zu koordinieren.
Ein Konzeptvorschlag für die Entwicklung unseres Mussa Dshalil Geschichtsprojektes stell ich morgen an dieser Stelle vor. Helfen wird uns bei unserem Projekt der Tatarisch-Baschkirische Kulturverein Deutschland, die Redaktion der deutsch-tatarischen Zeitschrift “AlTaBash” (www.altabsh.tk), Mitarbeiter des Mardzhani-Institutes für Geschichte der Akademie der Wissenschaften Tatarstans (http://tataroved.ru) und die Mannschaft vom Mussa-Dshalil-Museum Kasan (www.tatar.museum.ru/Jalil/).

Hier scheint ja schon sehr viel Vorarbeit geleistet worden zu sein, ich hoffe, dass ich noch ein paar neue Sachen beitragen kann. Nun muss ich erst mal viel lesen hier…

İsänsaw qalığız!

Здравствуйте!

Меня зовут Миесте, я изучаю туркологию, и занимаюсь   около 10 лет крымско-татарской историей и культурой. В Триалоге я впервые около двух недель и мне предложили быть в последующем координатором проект-группы, занимающейся темой „История“.

Завтра я представлю концептуальное предложение для развития нашего проекта, связанного с темой „История“ и „Мусса Джалиль“. Нам в нашем проекте будет помогать Татарско-башкирское культурное объединение Германии, редакция немецко-татарского журнала „AlTaBash“ (www.altabsh.tk), сотрудник Института Марджани истории Академии Наук Татарстана (http://tataroved.ru) и работники Музея Мусы Джалиля в Казани (www.tatar.museum.ru/Jalil/).

Да, здесь, кажется, уже было выполнено много работы, и я надеюсь, что я еще могу внести несколько новых идей. Теперь здесь я должен ознакомиться с тем, что уже другие люди написали…

До свидания!